1. Mose 28, 10-21 Gott erbarmt sich über einen Betrüger

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg

Norbert Giebel 15.09.2019

1. Mose 28, 10-19   Gott segnet einen Betrüger

Heute habe ich eine Frage vor der Predigt. Eine persönliche Frage. Man kann sie mit Ja oder Nein beantworten. Meine Frage lautet: „Wer kommt aus einer heilen Familie?“ Halt. Noch nicht antworten. Ich sage noch, was ich damit meine. Ich will die Messlatte gar nicht so hoch hängen. Mit heiler Familie meine ich, dass die Eltern sich ganz gut verstanden haben, dass die Eltern zu allen Kindern heute noch einen guten Kontakt haben, dass man sich auch mit anderen Verwandten gut versteht. Das reicht schon.

Also wer kann sagen: „Meine Kindheit und Jugend ist in der Familie gut gelaufen. Meine Eltern haben sich gut verstanden und haben bis heute zu allen Kindern eine gute Beziehung. Ich komme mehr oder weniger aus einer heilen Familie!“ Hebt doch einmal die Hand, wer dazu Ja sagen kann.

Bei der Familie, die wir heute kennenlernen, ist so ziemlich alles schief gelaufen, was schief laufen kann. Das ist eine total kaputte Familie. Ein Mann hat besondere Anteile daran. Er heißt Jakob. Jakob ist auf der Flucht. Er flieht vor seinem eigenen Bruder. Esau will ihn umbringen.

Aber man muss sich die ganze Familie ansehen. Isaak heißt der Vater, Rebecca die Mutter. Ihre beiden Söhne waren sehr verschieden. Isaak liebte Esau, den Erstgeborenen. Esau war ein richtiger Junge und aus ihm wurde ein richtiger Mann: Rau, behaart am ganzen Körper, ein Jäger. Esau war ein Kämpfertyp. Sein Vater liebte ihn, und zog ihn vor. Sein Leben lang hat Jakob damit umgehen müssen: Esau war Vaters Liebling.

Jakob aber war Mutters Liebling. Er war weich, zart, vielleicht auch klüger, interessierter als Esau. Vielleicht hing er an der Mutter, weil er wusste, dass sein Vater ihn nicht schätzte. Noch als junger Mann war er sehr von seiner Mutter zu beeinflussen. Eine traurige schädliche Familiensituation für alle.

Zwei Mal hat Jakob dann seinen Bruder böse betrogen. Das heißt, das erste Mal hat er nur den Hunger, die Ungeduld und Schwäche Esaus ausgenutzt. Esau war erschöpft von der Jagd gekommen. Durstig und hungrig. Jakob löffelte gerade eine Linsensuppe. Jakob wusste: Wenn Esau etwas haben will, dann will er es sofort, dann vergisst er alles andere. Darum bietet er ihm die Suppe an: „Gib du mir dein Erstgeburtsrecht, also dein Erbrecht, dann gebe ich dir meine Suppe!“ Und Esau, dieser Draufgänger nimmt die Suppe. Eigentlich kein Betrug. Aber Jakob eine hat eine Situation der Schwäche seines Bruders ausgenutzt.

Den wirklich bösen Betrug hat Rebecca, Jakobs Mutter, eingefädelt. Vater Isaak lag alt, blind und schwach darnieder. Er würde sicher bald sterben. Rebecca hörte durch die Zeltwand, wie er Esau befahl, ein Stück Wild zu jagen und ihm als Braten zuzubereiten. Dann wollte Isaak seinen Ältesten segnen. Das sollte nicht irgendein Segen sein, sondern der Familiensegen. Diese Familie sollte einmal viel Land besitzen und ein ganzes Volk sollte aus ihnen werden. So hatte Gott es Abraham versprochen. Mit dieser Verheißung lebte die Familie.
Jetzt wollte Isaak Gottes Verheißung auf Esau legen!

Sofort rief Rebecca Jakob zu sich und befahl nun ihm, dem Vater einen Braten zu bringen und sich für Esau auszugeben. Der Vater konnte nichts mehr sehen. „Und wenn er den Braten riecht?“ zögerte Jakob. „Wenn er mich berühren will? Ich hab doch keine Haare auf den Armen wie Esau!“ Rebecca hatte schon daran gedacht. „Ich wickle dir das Fell des geschlachteten Bockes um die Arme!“

Und so kam es, dass der altersblinde Isaak gegen seinen Willen seinen zweiten Sohn Jakob segnete anstelle von Esau. Isaak wunderte sich zwar und fragte Jakob, den er für Esau hielt, wo er so schnell das Wild her hatte. „Der Herr, dein Gott, hat es mir über den Weg laufen lassen!“ log Jakob und missbrauchte noch Gottes Namen für seine Pläne. Isaak wunderte sich auch, weil die Stimme eher nach Jakob klang, aber die stark behaarten Arme überzeugten ihn. Er aß den Braten und er segnete den Betrüger.

Was für eine Wut, was für Zorn da in Esau aufstieg, als er später mit seinem Braten vor dem Vater stand! Esau schwor Rache. Der Vater würde nicht mehr lange leben. Solange wollte er warten. Dann aber wollte er Jakob töten.

Und wieder hat die Mutter, Rebecca, eine Idee, wie sie Jokob retten kann: Esau hatte nämlich zwei Hethiterinnen geheiratet. Das gefiel Vater und Mutter gar nicht. Sie waren sehr traurig darüber. Die Söhne sollten Frauen aus dem eigenen Volk nehmen. Rebecca schlug mit ihrer Idee zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie schickte Jakob auf Brautschau zu ihrem Bruder Laban nach Haran. Erstens: Das gefiel dem Vater Isaak! Er sendete Jakob aus. Und zweitens: So konnte er fliehen.

Offiziell war Jakob auf Brautschau. In Wahrheit war er auf der Flucht. Uns jetzt hockte er in der Wüste. Eine Woche weg von zuhause. Das erste Mal ganz auf sich gestellt. Niemand, der für ihn sorgte. Keiner, der für ihn Entscheidungen traf. Jakob war hart gelandet. Keine Mama, keine Suppe und erst recht kein leckerer Braten.

Es war Nacht. Es war kalt. Er war einsam. Er hatte keine Ahnung wie es in seinem Leben weitergehen würde. Er hatte Angst und er hatte Skrupel. Was war das für eine Scheißfamilie?! Was war das für eine blöde Geschichte?! Wie hatte er sein Leben so gegen den Baum fahren können?!

Ich lese 1. Mose 28, 10-15:

10 Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran 11 und kam an einen Ort, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von denen, die dort lagen, legte ihn hinter seinen Kopf und legte sich schlafen. 12 Und er träumte und er sah eine Leiter auf der Erde stehen, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und Engel Gottes stiegen daran hinauf und hinunter. 13 Und der HERR stand oben darauf und sprach:
Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. 14 Und deine Nachkommen sollen werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden nach Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Völker auf der Erde gesegnet werden. 15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

Es war Nacht geworden in der Wüste, nicht nur äußerlich. Jakob schläft und Gott öffnet ihm den Himmel. Jakobs Vergangenheit holt ihn ein. Seine Gegenwart ist völlig durcheinander gewürfelt. Und dann sieht er eine große Leiter vom Himmel herab kommen. Boten Gottes gehen hinauf und herunter. Diese Leiter verbindet den Himmel mit der Erde.

Als Menschen versuchten beim Turmbau zu Babel einen Turm zu errichten, der bis zum Himmel geht, sind sie grandios gescheitert. Menschen können von sich aus den Weg zu Gott nicht finden. Hier baut Gott den Weg vom Himmel zur Erde. Der Himmel kommt zu Jakob. Und oben an der Leiter oder der Treppe steht Jahwe, der eine Gott, den Jakob bis hierher nur vom Erzählen kannte. Und er segnet ihn: Du wird Land bekommen. Aus dir wird ein Volk werden. Durch dich, durch jemandem aus deinem Volk, werden alle Völker gesegnet werden.

Ein Muttersöhnchen. Kein Kämpfer. Ein Betrüger. Ein Erzschurke wird zum Erzvater. Abraham, Isaak und Jakob werden in einem Atemzug genannt werden. Zwölf Söhne wird Jakob bekommen und aus jedem wird ein Stamm Israels hervorgehen. Die Mitte der Nacht birgt für Jakob den neuen Anfang. Und Gott gibt ihm eine ganz persönliche Zusage:

15 Ich werde dir beistehen. Ich beschütze dich, wo du auch hingehst, und bringe dich wieder in dieses Land zurück. Ich lasse dich nicht im Stich und tue alles, was ich dir versprochen habe.

Was für ein Zuspruch! Damit kann man getrost in eine ungewisse Zukunft gehen. Der Herr ist mit mir! Und er tut alles, was er versprochen hat. Mich erinnert das an das Versprechen von Jesus, als er auferstanden war und sich von seinen Jüngern verabschiedete und seine Jünger auch nicht wussten, wie es weitergehen würde und Jesus ihnen sagte: „Geht hin in alle Welt! Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ (Matth 28,19f)

16 Als Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Wirklich, der HERR ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht! 17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus. Hier ist die Pforte des Himmels. 18 Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er hinter seinen Kopf gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf (um ihn zu weihen) 19 und nannte die Stätte Bethel (d.h. Haus Gottes); vorher hieß die Stadt Lus.
Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: 20 Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein. 21 Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Denkmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.

Was ist das denn für ein Leben? Stellt euch vor, ihr könntet so leben: Nie mehr allein. Nie mehr ohne Gott. Er hat es versprochen. Und Gott hat Großes in sein Leben gelegt. „Gott ist hier und ich wusste es nicht. Gott hat mich gesehen, war an meiner Seite, und ich habe es nicht erkannt.“ Noch ist es nur ein Traum. Aber Jakob vertraut seinem Traum. Gott ist ihm gnädig. Gott ist mit ihm. Das verändert das Leben von Jakob. Das verändert ihn als Person.

Jakob stellt den flachen Stein, auf dem er geruht hatte, aufrecht und macht einen Gedenkstein daraus, ein Denkmal: Hier ist er Gott begegnet! Das will er nie vergessen. Das sollen auch andere wissen. Und er nennt den Ort Beth-El, das heißt übersetzt Haus Gottes. Später einmal wird hier der älteste Tempel Israels gebaut werden.

Hast du auch schon einmal den Himmel offen gesehen? Egal, ob du aus einer intakten Familie kommst, ob dein Leben sich gut entwickelt hat, oder ob du aus einer kaputten Familie kommst: Hast du schon einmal gesehen, das der Himmel offen ist?

Bist du es, der von Leben betrogen wurde? Oder bist du ein Betrüger, einer der andere verletzt hat? Kommst du aus einer kaputten Familie und bist selbst auch nicht heil? Hast du eine schwierige, eine schwere Vergangenheit? Oder eine sehr verworrene durcheinander gewürfelte Gegenwart?

„Der Herr ist nahe denen, die ein zerbrochenes Herz haben!“ lesen wir in den Psalmen (34, 19). Psalmen sind Lieder. Da schlägt sich etwas nieder, was viele erfahren haben. Das hat nicht nur Jakob erlebt. Aber er erinnert uns daran.

Jakob war noch nicht fertig. Er hatte noch keinen großen Glauben. Er hat noch so manchen Mist im Leben gemacht. Aber er hat angefangen mit Gott zu leben! Er selbst wurde in Haran von seinem Onkel böse hereingelegt. Vierzehn Jahre ließ der ihn arbeiten für die Frau, die er liebte. Und Jakob seinerseits ist auch mit nicht ganz legalen Tricks ein reicher Mann geworden. Gott hatte noch viel mit ihm zu tun. Bis Jakob, der dann Israel genannt wurde, zu einem Vorbild im Glauben wurde. Aber hier in Bethel hat er den lebendigen Gott erlebt. Und das hat sein ganzes Leben auf eine neue Spur gesetzt.

In dem Traum von Jakob ist nicht ganz klar, ob er eine Leiter oder eine Treppe gesehen hat. Beides kann man übersetzen. Aber einmal hat Gott eine große breite Treppe vom Himmel auf die Erde gebaut: Als er seinen Sohn gesandt hat. Als er seine Liebe in Jesus gezeigt hat.
Als Jesus für alles Blödes und Böses in unserem Leben gestorben ist.

Gott kommt nicht nur in das Chaos von Jakob. Er kommt in das Chaos dieser Welt. Gott hat den Himmel aufgemacht. Für die großen Schrecken dieser Welt und für die Schrecken in unserem Leben. Und Jakob erinnert uns auch daran, dass Gott Menschen aufsucht, anspricht, beruft, die schuldig sind, die kein heiles Leben haben. Da könnte man viele Beispiele aus der Bibel nennen.

Was Gott Jakob gesagt hat, das sagt er in Jesus Christus auch uns: „Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe!“ Jesus, der Auferstandene, er ist auch hier. Er hat es versprochen. Der Himmel ist auch heute offen. Das können wir so ganz allgemein hören. Oder wir hören es heute für uns ganz allein. Ganz persönlich.

Der erste Gedenkstein für uns Christen ist die Taufe. In der Taufe halten Menschen fest: Gott hat mich gefunden! Gott hat zu mir gesprochen. Er ist bei mir, hier an diesem Ort, und ich wusste es nicht. Er soll mein Herr sein. Die Taufe ist dein eigenes Denkmal. Daran kannst du dich erinnern.

Aber nicht nur bei der Taufe, sondern immer, wenn der Himmel offen ist; ob ich es zum ersten Mal oder zum x-ten Mal erlebe. Immer, wenn der Himmel offen ist, dann kann ich ein neues Leben anfangen.

Amen.