Galater 2, 11-21 "Die Gnade reicht"

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg
Norbert Giebel, 03.11.2019

Galater 2, 11-13.16-21      Die Gnade reicht

Ich lese Galater 2, 11-13. 16b-21

11 Als aber Petrus später nach Antiochia kam, musste ich ihm vor allen widersprechen, denn er hatte sich eindeutig falsch verhalten. 12 Zunächst hatte er ohne Bedenken mit den Christen, die keine Juden waren, an den gemeinsamen Mahlzeiten teilgenommen. Als aber einige jüdische Christen aus dem Kreis um Jakobus dazukamen, zog er sich zurück und wollte nicht mehr wie bisher mit allen zusammen essen. Er fürchtete nämlich die Vorwürfe der jüdischen Christen. 13 Auch die anderen Juden in der Gemeinde handelten daraufhin gegen ihre Überzeugung, und schließlich verleiteten sie sogar Barnabas dazu, den gemeinsamen Mahlzeiten fernzubleiben.
Wir sind doch deshalb Christen geworden, weil wir davon überzeugt sind, dass wir nur durch den Glauben an Christus von unserer Schuld freigesprochen werden; nicht aber, weil wir die Forderungen des Gesetzes erfüllen. Denn kein Mensch findet durch gute Werke Gottes Anerkennung.
17 Wenn aber auch wir Juden allein durch den Glauben an Christus Anerkennung bei Gott finden wollen, dann geben wir damit zu, dass auch wir Sünder sind – ebenso wie die Menschen aus anderen Völkern. – Bedeutet dies nun, dass Christus zum Komplizen der Sünde wird, wenn wir durch den Glauben an ihn nicht mehr dem Gesetz unterstellt sind? Auf gar keinen Fall! 18 Nicht Christus, sondern ich selbst bin ein Komplize der Sünde, wenn ich dem Gesetz wieder Geltung verschaffen will, das ich vorher als nutzlos erkannt habe.
19 Durch das Gesetz nämlich war ich zum Tode verurteilt. So bin ich nun für das Gesetz tot, damit ich für Gott leben kann. Mein altes Leben ist mit Christus am Kreuz gestorben.
20 Darum lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir! Mein vergängliches Leben auf dieser Erde lebe ich im Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der mich geliebt und sein Leben für mich gegeben hat. 21 Ich lehne dieses unverdiente Geschenk Gottes nicht ab – ganz im Gegensatz zu den Christen, die sich noch an die Forderungen des Gesetzes halten wollen. Könnten wir nämlich durch das Befolgen des Gesetzes von Gott angenommen werden, dann hätte Christus nicht zu sterben brauchen.
           (Übersetzung „Hoffnung für alle“)

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

auch Christen können aus Unglauben handeln. Menschen, die es eigentlich besser wissen, die sich gegen der Liebe und Gnade Gottes verhalten. Petrus ist der Erste von ihnen. Er ist eingeknickt vor anderen Juden, die auch an Jesus glaubten. Petrus hat es Menschen recht machen wollen, und hat andere dadurch verraten. Letztlich hat er Jesus damit wieder verleugnet, wie Paulus ihm vorwirft.

Petrus war in Antiochia. Diese Stadt im heutigen Syrien war das christliche Zentrum nach Jerusalem. Von Anfang an kamen dort auch Menschen zum Glauben, die keine Juden waren. Menschen, die nichts wussten von Beschneidung und Sabbat, von den Reinigungs- und Speisevorschriften der Juden. Das war eine große theologische Frage der Anfangszeit: Müssen Menschen, die keine Juden sind aber zum Glauben an Jesus finden, das jüdische Gesetz halten? Müssen sich alle männlichen Christen beschneiden lassen? Oder gilt das Gesetz des Moses nur für Juden? Eine große Versammlung in Jerusalem hat es dann entschieden. Petrus war auch dabei. Und Paulus und Barnabas, die die Gemeinde in Antiochia aufgebaut haben. Nein. Das Gesetz und alle jüdischen Ausführen dazu gelten nicht für so genannte Heidenchristen, für Christen, die keine Juden sind. (Apg 15)

Am Anfang war das kein Problem für Petrus, als er in Antiochia war. Er saß mit allen Christen dort am Tisch. Sie aßen zusammen und feierten Abendmahl. Das Abendmahl wurde damals immer mit einem richtigen Essen zusammen gefeiert. Dann aber kamen Leute von Jakobus aus Jerusalem und Petrus ist eingeknickt. Juden dürften nicht mit Heiden an einem Risch sitzen. Die Juden würden sich unrein machen, sagten sie. Egal, ob die Heiden an Jesus glauben. Sie sind nicht rein, sie essen nicht koscher, das gehört sich nicht, wie sie leben.

Das gemeinsame Essen stand für Juden dafür, dass man den anderen in seinem Glauben anerkennt, dass man im Glauben eins mit ihm ist. Jesus schon hatte die jüdische Sitte gebrochen, indem er mit Zöllnern und Sündern gegessen hat. Sehr zum Ärger der gesetzestreuen Juden. Dazu kommt, dass Gott ausgerechnet Petrus einmal eine Vision geschenkt hat, er hat Petrus etwas sehen lassen:  Petrus sah ein Tuch mit lauter unreinen Tieren, die Juden nicht essen durften, und Gott sprach zu ihm „Nimm, und iss!“ Petrus sollte die nicht mehr unrein nennen, die Gott rein nennt. (Apg 10)

Die Juden brauchten von ihrer Tradition, ihrem ganzen Leben her, eine Ordnung. Da wurde klar unterschieden zwischen Juden und Sündern. „Da war noch klar, wer zu uns gehört und wer nicht. Das konnte man sehen beim Essen, an der Kleidung, durch die Reinheitsvorschriften.“ Kann man von den Judenchristen jetzt einfach verlangen, dass nun eben alles anders ist? Es muss doch Regeln geben!

Petrus knickt ein. Der Zusammenhalt der Juden soll nicht gefährdet werden. Man darf die nicht verärgern, die schon immer dabei waren. Alles auf dem Tisch muss verzehntet sein. Man muss für alles den Zehnten vorher abgegeben haben. Und alle Mahlzeiten mussten nach jüdischem Rech zubereitet sein. Juden würden sich versündigen, wenn sie nicht mehr nach dem Gesetz lebten.

Petrus knickt ein. Und Paulus ist zornig. Paulus erinnert nicht an irgendwelche Absprachen. Er erinnert an das Evangelium. „Du und ich, Petrus, wir haben doch erkannt, dass wir allein aus Gnade gerettet sind! Wie kannst du das wieder aufbauen, was Jesus eingerissen hat?! Du und ich, Petrus, wir halten doch auch das Gesetz nicht mehr in allen Teilen, in allen Sabbatvorschriften oder Fastenregeln. Bei diesen Dingen sagst du, das sei nicht mehr so wichtig. Und in anderen Dingen baust du eine Grenze auf zu Menschen, die genau wie wir aus Gnade gerettet sind!?

Paulus ist zornig. Das geht den ganzen Brief hindurch: „Die von euch die Beschneidung fordern, sollen sich selber verschneiden lassen!“ schreibt er (vgl. 5,12) Sie sollen sich kastrieren lasen. Sie schneiden sich vom Evangelium los! „Wenn ich Menschen zu Gefallen lebe, dann bin ich nicht mehr Christis Knecht!“ (1,10) „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Wer sich beschneiden lässt, muss das ganze Gesetz erfüllen und er hat Christus verloren!“ schreibt er im 5. Kapitel. (vgl. 5, 1-4)

Wäre Paulus nicht so vehement eingeschritten, dann gäbe es die christliche Kirche von heute nicht. Dann wären die Christen ein Teil des Judentums geworden.

Würde es nur um die Bescheidung gehen und um irgendwelche Speisevorschriften, dann könnten wir die ganze Sache abhaken. Dann hätten wir höchstens noch ein historisches Interesse an den Vorgängen damals. Aber Paulus klärt hier einiges sehr grundsätzlich.

  1. 1.Stehst du ein für das, was Gott dir anvertraut hat?

Ganz schnell kann sich jeder von uns fragen, wo er etwas im Glauben erkannt hat und ob er dazu auch einsteht. Auch dann, wenn andere Christen anderer Meinung sind. „Wer Menschen zu Gefallen redet oder lebt, der kann nicht Christi Knecht sein.“

  1. 2.Gibt es bei dir auch Christen zweiter Klasse?

Das passiert heute noch, dass Christen die Wertschätzung einer Gruppe so wichtig ist, dass er andere abqualifiziert. „Wir halten zusammen gegen die anderen. Wir sind die Richtigen. Die anderen sind Christen zweiter Klasse.“

Petrus ist vor den konservativen Boten aus Jerusalem eingeknickt. „Das war schon immer so.“ Das ist ihre Botschaft. Sie fragen nicht, was Jesus neu gemacht hat oder was Jesus neu schaffen will. Konservative haben nicht immer Recht. Auch Gemeindeerneuerer haben nicht immer Recht. Beide schon gar nicht, wenn sie ihre Überzeugungen nutzen, um andere auszugrenzen.

  1. 3.Eine falsche Einheit ist immer eine Trennung.

Petrus will Unruhe vermeiden. Er will die Gemeinde in ihrer großen Gruppe zusammenhalten, und genau dadurch spaltet er sie. In Antiochia oder den kleinen Gemeinden in der heutigen Türkei, an die dieser Brief gerichtet ist, ging es nicht darum, welche Musik man spielt, um welche Uhrzeit Gottesdienst anfängt, wie lang eine Predigt sein darf. Die Gemeinde Jesu ist auf dem Weg. Es gibt immer wieder Neues, wo man eine Lösung finden muss. Da wird diskutiert und abgestimmt und dann gibt es auch Entscheidungen, die nicht allen gleich gut gefallen. Darum geht es hier aber nicht.

Hier werden Menschen, die an Jesus glauben ausgegrenzt. Und anderen, die Jesus noch zum Glauben gewinnen will, wird der Zugang fast unmöglich gemacht. Es sei denn, sie sind zufrieden damit, nie so richtig dazu zu gehören. Die Einheit der Christen finden wir allein in Christus. Die Christus gerufen hat und aus Gottes Gnade leben, mit denen bist du eins! Mit allen.

  1. 4.Gesetzlichkeit will immer ausgrenzen!

Das Bedürfnis, zu erkennen, wer ein wahrhaft ernsthafter Christ ist und wer nicht, ist groß. „Man muss doch irgendwie unterscheiden können.“ „Es sind doch nicht alle gleich, das muss man doch mal sagen dürfen.“ – Noch nie habe ich jemanden gefunden, der solche Unterscheidungen macht, und dann selber zu den Christen zweiter Klasse gehört. Man bestimmt die Maßstäbe ja auch selber. Gesetzliche Christen suchen das aus, was sie erkannt haben und für wichtig halten und das, was sie können, wo sie gehorsam sind, und danach werden andere beurteilt.

Die treuen Beter sagen – wenn sie gesetzlich sind! Ansonsten ist gar nichts gegen treue Beter zu sagen! Treue Beter, die gesetzlich sind, sprechen anderen die Ernsthaftigkeit ihres Glaubens ab, weil sie nicht so viel beten. Die treuen Bekenner – nur wenn sie gesetzlich sind! Ansonsten wünschte ich, wir alle wären treue Bekenner, die im Alltag mit den verschiedensten Menschen über den Glauben sprechen. Aber die treuen Bekenner, denen es leicht fällt oder die einfach gehorchen und anderen von Jesus erzählen, die dann gesetzlich sind, sie verurteilen andere, die es nicht ganz genau so tun.

Ich habe noch nie einen gesetzlichen Christen gefunden, der Regeln und Gebote für wichtig hält, die er selbst nicht erfüllen kann. Das ist auffällig. Kein gesetzlicher Christ würde sagen, man muss jeden Tag 1 Stunde beten oder jede Woche ein Glaubensgespräch mit einem Ungläubigen führen, wenn er selber nicht schafft. Gesetzliche Christen brauchen ja gerade die Sicherheit, selbst auf der richtigen Seite zu stehen. Und sie brauchen den Abstand zu anderen. Sie müssen Gott ein bisschen näher sein als die anderen.

Oft bekommen Äußerlichkeiten den Rang, zwischen wahrem und falschem Glauben zu unterscheiden. In Holland hatten Christen früher keine Gardinen vor den Fenstern, um zu zeigen, dass sie nichts zu verstecken haben. Meine ersten Gemeinden waren in Stuttgart und Göppingen. In Göppingen ist ein Mann aus der Gemeinde ausgetreten, weil ein Mitglied der Gemeindeleitung dort sonntags in Jeans und Stiefeln Gitarre gespielt hat. Wer sich so sonntags anzieht, kann Jesus nicht ehren wollen. In Stuttgart und Berlin gab es Personen, die meinten: „Man muss zum Abendmahl aufstehen. Jesus will mich beschenken und ich bleibe sitzen? Wie geht das denn?“

In Kassel kenne ich jemanden, der sich in einer anderen Gemeinde engagiert und immer eine Kappe trägt. Jeden Tag. Egal wo er ist. In der Gemeinde bekommt er Probleme deswegen. Das gehört sich nicht im Gottesdienst, wissen einige ganz genau. Es gibt Christen, denen sind alle abgelesenen Gebete verdächtig. „Das kann doch nicht von Herzen kommen.“ Andere meinen, man muss immer aufstehen zum Beten. An der äußeren Haltung will man die innere erkennen.

Es ist gut, wenn man sich Gedanken macht, wie man zu einem treuen Beter oder Bekenner wird. Wie man selber beten will, sodass es wirklich von Herzen kommt. Auch darüber wie man sitzt oder steht, wenn man eine bewusste Zeit mit Jesus hat. Das Problem ist, wenn man seine Antwort anderen zur Regel machen will oder andere abqualifiziert, ihren Glauben dadurch beurteilen will, weil sie es anders machen.

  1. 5.Tischgemeinschaft ist Glaubensgemeinschaft

Für mich ist dieser Text auch ein ökumenischer Text. Ein Text für den Dialog mit anderen Christen und Kirchen. Wir haben eine gute geschwisterliche Ökumene in unsrem Stadtteil. Gerade am letzten Donnerstag haben wir den Reformationstag zusammen mit der Katholischen Gemeinde gefeiert. Auch Mitglieder der Neu Apostolischen Kirche waren dabei. Auch da bahnen sich gute Beziehungen an.

Tischgemeinschaft im vollen Sinn aber haben wir weder mit der Katholischen Kirche noch mit der NAK. Es gibt katholische Pfarrer, die setzen sich darüber hinweg und feiern mit evangelischen Christen Abendmahl bzw. eine Messe. Offiziell dürfen sie das nicht. Auch der Bruder aus der NAK sagte, dass ein gemeinsamer Gottesdienst mit uns mit Mahlfeier noch nicht möglich sei. Einerseits kann es ich irgendwie verstehen. Die Geschwister kommen aus ihrem Denken nicht heraus. Andererseits weiß ich nicht, was Paulus dazu sagen würde.

Ich werde es mir dennoch nicht nehmen lassen, zu sagen, dass alle, die an Jesus glauben und mit ihm als ihrem Herrn leben meine Schwester und mein Bruder im Glauben sind. Auch wenn die volle Tischgemeinschaft noch nicht erreicht ist.

  1. 6.Für mich und dich reicht die Gnade.

Auf eine andere Art können Christen noch gesetzlich werden. Wenn sie meinen, dass die Gnade für sie nicht ausreicht. Wenn sie sich selbst nicht vergeben können. Wenn sie sich immer wieder in ihrer Schuld baden, anstatt sie zu bekennen und zur Freude und zur Freiheit finden. Vergebung nicht anzunehmen kommt genauso aus Unglauben wie die Gesetzlichkeit. Man meint es besser zu wissen als Gott selbst. Man meint so einfach ginge das doch nicht. Man beurteilt sich selbst oder andere nicht aus der Gnade heraus. Wir brauchen uns nicht selber ausschließen und denken „Ich gehöre nicht dazu“. Gottes Gnade ist größer. Aus Gnade sind wir gerettet und gehören zu ihm. Ich und du.

Amen.