Johannes 3, 1-8 "Nur Wiedergeborene können das Reich Gottes sehen.

Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg 31.5.2015
Pastor Norbert Giebel

Johannes 3, 1-8:
„Nur Wiedergeborene können das Reich Gottes sehen“


 

Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist. Amen
                                                                                                     Die Worte in Kästen dienen der Präsentation.

 
Manchem, liebe Gemeinde, kommen die Gedanken bei Nacht. 

Der Tag hat seinen festen Ablauf: Aufstehen, Ausziehen, Waschen, Anziehen.  Drei Mahlzeiten, acht Stunden Arbeit, zwei Pausen, Feierabend. Ausziehen, Waschen, Anziehen, Hinlegen, Schlafen. 

In der Nachtaber stehen manchmal Gefühle und Gedanken auf, die in der Ordnung des Tages keine Zeit hatten. Man beginnt zu grübeln.  Sorgen und offene Fragen fordern ihr Recht. – Was eine Antwort braucht, wird laut in der Nacht. 

Nikodemus muss es so gegangen sein. Am Tag hatte er damit zu tun, Antworten zu geben. Er war Pharisäer, Mitglied der strengsten Richtung des Judentums. Und er war Mitglied des Hohen Rates. Theologe, Richter und Politiker würden wir heute sagen. Ein nobler Vertreter des offiziellen Jerusalems. Nikodemus schläft diese Nacht nicht. Er denkt an Jesus. Jesus gibt ihm offene Fragen auf, die er öffentlich nicht stellen darf, die er in seinem Alltag nicht zulassen darf. Aber in der Nacht wird die Frage nach Jesus wieder laut: Was ist das für ein Mensch, dieser Rabbi aus der Provinz, aus Nazareth. Er tut Wunder, er predigt mit Vollmacht, das Reich Gottes sei nahe. Aber er stellt die religiöse Ordnung auf den Kopf. ... Kann man ihm glauben? Steht nicht in den Propheten, dass der Messias, Gottes König der letzten Tage, dass er Wunder tun würde? Dass Lahme gehen und Blinde sehen würden? Ist dieser Mann am Ende der Messias? Vielleicht ist es gar nicht die erste Nacht, in der Niko nicht schlafen konnte. Heute jedenfalls pustet er irgendwann das Licht aus, zieht sich seinen Umhang über, geht auf die Gassen hinaus, bis zur Unterkunft Jesu, und er klopft an seine Tür. Heute will er Jesus sprechen. 

Warum geht Nico in der Nacht? Sicher wissen wird es nicht. Hatte er Angst, gesehen zu werden? Sollte es heimlich geschehen? Oder war es am Tag einfach zu heiß? Hatte er keine Zeit am Tag? Diskussionen am späten Abend waren nicht unüblich. Vielleicht wollte er Jesus einfach alleine sprechen, offen seine Fragen stellen. Aber immerhin: Er kommt! Es ist immer besser mit  Jesus zu sprechen als nur über ihn. Besser eine „Nacht- und Nebelaktion“ als gar keine Reaktion.


Auch in der Nacht wird es ihn Mut gekostethaben. Er ist nicht irgendwer. Er schert aus dem Kreis seiner Kollegen aus. Er riskiert die Solidarität seiner Parteigenossen, wenn er anfängt diesen Jesus ernst zu nehmen. Zu jeder ernsthaften Entscheidung gehört ein Stück Einsamkeit.
Eine Freiheit, die man sich nimmt, egal, was andere denken. Wer den Mut nicht hat, einsam zu sein, den Schutz der allgemeinen Meinung zu verlassen, der wird seine eigene Antwort nie finden. Wer seinen Fragen immer nur ausweicht, wer Schlafmittel nimmt oder sich sonst irgendwie ablenkt, wo er zu Jesus gehen sollte, der wird im Dunkeln bleiben. Das Leben des Nikodemus ist noch nicht zur Schablone erstarrt. Er wagt es, seine Fragen ernst zu nehmen. Ein mutiger Mann. 


Wer zum Arzt will, muss sich an die Sprechstunde halten. Bei manchen muss man lange auf einen Termin warten. Zu Jesus kann man auch in der Nacht kommen. Nikodemus klopft an und es wird ihm aufgetan. Mit höchster Ehrerweisung spricht der Rabbi, Richter und Politiker Jesus an: „Meister,“ sagt er. So reden sonst Jünger ihre Lehrer an. „Meister, wir wissen, dass du ein Lehrer bist von Gott gesandt, denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust!“

Was für ein Eingeständnis! Ich weiß nicht, für wen Nikodemus da gesprochen hat. Aber er sagt „Wir wissen, dass Du ein Lehrer bist, den Gott gesandt hat!“ Sicher hat er andere Pharisäer gemeint.
Sie ahnen es doch! Sie haben also doch insgeheim über ihn geredet. Sie haben also doch seine Zeichen verstanden. Die Schriftgelehrten sind ins Fragen gekommen, wenigstens in der Anfangszeit des Wirkens Jesu. Und doch sind SIE es später, die seine Kreuzigung fordern. Zuerst wollten sie Jesus nicht erkennen, dann konnten sie ihn nicht mehr erkennen. 


Manchmal streitet man über eine Frage und vertritt die Gegenposition, obwohl man innerlich gar nicht so sicher ist. Aber wenn man lange genug gestritten hat und kämpferisch eine Position vertreten hat, dann kann man nicht mehr nachgeben, dann muss man seine Position durchhalten. Dann geht es nur noch um Macht und Rechthaben. Jetzt bloß nicht vor dem anderen einknicken. Vielen Pharisäern ging es vielleicht so, dass sie am Anfang Jesus eigentlich erkannten, das sie dann aber offen gegen ihn redeten und  es hätte eine zu bittere Niederlage bedeutet, wenn sie ihm doch noch vertraut hätten. Lieber schlafen sie mit einer Lüge und tun Unrecht, als sich offen noch einmal zu fragen: Wer ist dieser Jesus aus Nazareth? Kann man ihm glauben? Ist er der Messias? 

Anders Nikodemus. Ein mutiger Mann. Er kommt zu Jesus und will das Gespräch eröffnen. Aber gleich nach der ehrenvollen Begrüßung übernimmt Jesus die Gesprächsführung. Vielleicht weiß er, was Nikodemus tiefste Frage ist. Vielleicht will er ihn aber auch auf diese wichtigste Frage hinweisen. „Amen, amen“, antwortet Jesus. „Es sei denn, dass jemand von neuem geboren wird, sonst kann er das Reich Gottes nicht erleben.“ 

"Amen, amen ich sage dir!" So ein vorangestelltes und dazu noch doppeltes Amen gibt es nur bei Jesus. Das ist seine eigene Sprachschöpfung. Im ganzen jüdischen Schrifttum ist nirgends belegt, dass jemand zwei Mal Amen am Anfang eines Satzes sagt. Jesus spricht mit Autorität: „Was ich sage, darauf kannst du dich verlassen! Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche! Was ich jetzt sage, das ist sicher: „Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ 

Nico will eine neutrale Information über Gott. Die gibt es aber nicht. Nach dem lebendigen Gott kann man nicht neutral fragen. Wenn Du nach Gott fragst, kommt die Frage auf Dich zurück. Der lebendige Gott ist kein Gegenstand, der für unsere Forschungen stillhält. Wenn Du Dich dem lebendigen Gott näherst, fragt er DICH! Nicht ob Du alles verstehst. Nicht, ob Du deine Bibel kennst. Nicht ob du alle Gebote alle hältst. Sondern: Ob Du neu geboren bist, darauf kommt es an!

„Nico! Wir können uns die ganze Nacht um die Ohren schlagen und noch viele weitere Nächte, bis wir alle Fragen des Glaubens erörtert haben. Aber die entscheidende Frage ist: „Bist du neu geboren? Sonst kannst du Reich Gottes nicht sehen. Sonst wirst du seine Herrschaft nicht erleben!

Wer in London geboren ist, hat die englische Staatsangehörigkeit. Wer in Paris geboren ist, hat die französische Staatsangehörigkeit. Und nur wer in Christus wiedergeboren ist, hat die himmlische Staatsbürgerschaft. 

Wenn die Wiedergeburt so wichtig ist, was ist denn das? Wenn die Bibel von „Neugeburt“ oder „Wiedergeburt“ spricht, meint sie nicht „Reinkarnation“. Wir werden nicht als bessere Menschen oder als Tiere noch einmal auf die Welt kommen. Sondern hier, mitten in unserem Leben, soll Gottes Reich beginnen. Wir dürfen unter seine Herrschaft kommen. Das will Gott uns schenken.  Sein Geist soll uns innerlich verändern. Die Wiedergeburt ist der Beginn des ewigen Lebens mitten in unserem leben. 

Es gibt zwei Geburten und es gibt zwei Tode. Johannes und auch Paulus reden in der Bibel auch von einem „zweiten Tod“. Der erste Tod ist der Tod unsers Körpers. Alle müssen da durch. Diesen Tod müssen alle sterben. Nach dem Tod aber gibt es das ewige Leben, das hier schon in unserer Wiedergeburt begonnen hat, und es gibt den zweiten Tod, den ewigen Tod, den jeder stirbt, der nicht wiedergeboren ist. Wer zwei Mal geboren ist, der stirbt nur einmal. Wer nur einmal geboren ist, wer nicht wiedergeboren ist, der stirbt zweimal. Die „neue Geburt“, die „Wiedergeburt“ oder die „Geburt von oben“, wie man auch übersetzen kann, ist keine Spezialmacke von einigen Christen. Ohne sie geht es nicht, Nikodemus!

Nikodemus versteht Jesus nicht. Oder er will ihn nicht verstehen? „Wie soll ein Mensch neu geboren werden? Kann ein alter Mann etwa ein zweites Mal in den Schoss seiner Mutter?“

Wieder beginnt Jesus mit seinem doppelten Amen: „Amen, amen, ich sage dir: Wenn einer nicht neu geboren wird aus Wasser und Geist, kann er nicht ins Reich Gottes hineinkommen.“ Was aus dem Fleisch kommt, das bleibt Fleisch. Unser natürliches Denken und Tun kann nicht zu Gott kommen. Ohne diese neue Geburt bleibt alles fleischlich, menschlich. „Gott will neues Leben schenken durch Wasser und Geist“, sagt Jesus. 

Keiner bringt sich selbst auf die Welt. Keiner gebiert sich selbst. Jede Geburt ist ein Geschenk und da leidet eine andere für mich. Das ist auch bei der geistlichen Geburt so. Sie ist ein Geschenk. Einen Unterschied gibt es aber: Gegen seine geistliche Neugeburt kann man etwas tun. Oder anders gesagt: Wir werden nicht gegen unseren Willen neu geboren. Da müssen wir mit auf die Welt kommen wollen.


Gottes Geist fordert uns auf.Er wirkt immer mit uns zusammen.Er ist höflich. Er fordert uns auf. (Wie zu einem Tanz.) Der Heilige Geist ist ein Gentleman. Er setzt sich nicht zu uns, er bleibt nicht, er nimmt nichts in Anspruch gegen unseren Willen. Das fängt schon bei der Taufe an, das hört da aber nicht auf. Er führt uns, spricht zu uns, gibt uns die Möglichkeit, etwas zu entscheiden oder zu tun. Aber entscheiden müssen wir es. Tun wird er es nicht ohne uns.

Alle Theologen aller Kirchen aller Zeiten sind sich darin einig, dass es Jesus bei der neuen Geburt aus Wasser und Geist um die Taufe geht. Für uns heißt das: Wasser- und die Geisttaufe gehören zusammen. Zum Glauben kommen, getauft zu werden, den heiligen Geist zu empfangen, das war ein Paket.


An seinen Mitarbeiter Titus schreibt Paulus über die Taufe: „Gott rettete uns in seiner Barmherzigkeit durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geist!“

Petrus fordert seine Hörer Pfingsten auf: „Kehrt um, und jeder lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen.“ „Lasse sich taufen“,das ist in der griechischen Ursprache ein Imperativ Passiv. Der Imperativ, etwas an sich geschehen zu lassen.

Gott will Neues durch uns auf die Welt bringen, und wir sind dabei beteiligt. Wir müssen es nur noch geschehen lassen, uns nicht sperren. Das gehört zum geistlichen Leben: Zu hören, wo will Gottes Geist mit mir hin, und einfach mitgehen, es zulassen, nicht sitzen bleiben. Die Liebe nimmt sich nichts. Sie bietet sich an. Sie fordert auf. „Komm, tanze mit mir. Komm, folge mir nach!“

 

Direkt im Anschluss an den Bericht dieser Nachtaktion des Nikodemus finden wir den einzigen Beleg überhaupt, dass auch Jesus getauft hat: „Danach ging Jesus mit seinen Jüngern nach Judäa und blieb dort eine Weile mit ihnen und taufte.“ (V22) Ob sich da auch Nikodemus taufen ließ, wissen wir nicht. Das Gespräch endet offen. Aber er wird neu geboren. Es gibt den neuen Niko. Im Johannes-Evangelium taucht er noch zwei weitere Male auf: Einmal ergreift er Partei für den Nazarener, als das Synhedrium, der hohe Rat, ihn verurteilen will. Und dann, ganz zuletzt, bringt er den Frauen Aloe und Myrrhe, damit sie Jesu Leichnam zurechtmachen können.

Vielleicht haben Sie schon einmal von Augustinus gehört: Der große Theologe des 4. Jhdt. Augustinus hatte sich in seinem Leben von seinen Treiben trieben lassen. Er liebte den Wohlstand, den Wein und die Frauen. Augustinus hat seine Taufe als eine neue Geburt erlebt. Einmal begegnete ihm eine seiner früheren Geliebten. Sofort dreht Augustinus sich um und geht weg mit großen Schritten. Die Frau geht hinterher und ruft ihm zu: „Augustin, ich bin's!“ „Aber ich bin's nicht mehr!“ ruft Augustinus und legt noch einen Zahn zu. Gottes Geist macht keine Marionetten aus uns, dass wir nur noch Gottes Willen tun könnten. Aber er gibt uns die Freiheit dazu, Gottes Willen zu tun. Das ist die Wiedergeburt. 

Der Wind weht wo er will!“gibt Jesus dem Nico noch mit auf den Weg. Wind und Geist sind in Hebräisch und in Griechisch das gleiche Wort: Pneuma. Man weiß nicht, wo der Wind herkommt. Aber wir können ihn hören und spüren und sehen, was er verändert! Man braucht nicht den Wind zu verstehen, um darin seine Wäsche aufzuhängen oder sein Segel zu spannen. Man kann den Wind auch nicht selber machen, aber zerbrich dir nicht den Kopf: Er weht doch! Du bist doch umweht vom heiligen Geist.

Martin Luther hat gesagt: Die Sonne ist da. „Du brauchst nur noch aus deinem dunklen Haus in die Sonne zu springen!“ Jesus würde sagen: Ein Christ ist jemand, der neu geboren wurde. Manch Baptist aber viel mehr noch manch Katholik oder Lutheraner würde sagen: Ein Christ ist jemand, der getauft ist. Ich glaube, die Taufe ist keine Garantie. „Die sich vom Geist Gottes treiben lassen, die sind Gottes Kinder!“ schreibt Paulus. Das ist nicht noch eine Aufforderung, etwas zu tun, sondern die Aufforderung, etwas an sich tun zu lassen, etwas mit sich tun zu lassen. „Die sich vom Geist Gottes treiben lassen, die sind Gottes Kinder!“

Es ist niemand anderes als der Herr selbst, der vor uns steht, wenn Gottes Geist zu uns spricht. Und der Herr fragt höflich: „Kommst du? Der Wind weht!“

Amen.                                                                                             

 
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