Römer 11, 33-36 Gott ist anders als du denkst

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinden (Baptisten) Kassel-Möncheberg

Pastor Norbert Giebel 22.5.2016

Römer 11, 33-36 „Gott ist anders, als du denkst!“

Liebe Gemeinde,

wir haben es verlernt. Meistens haben wir es verlernt. Bei kleinen Kindern sieht man es noch. Kinder müssen es auch nicht lernen, es ist angeboren. Es ist eine Reaktion und eine innere Haltung. Wenn es jemand tut, erkennt man es daran, dass der Mund offen steht und die Augen immer größer werden. Es verschlägt ihnen die Sprache. Sie sind ganz erfüllt von einem großen Wunder, dass sie nicht verstehen. Worüber spreche ich? Ich spreche vom Staunen.

Kinder können staunen. Über einen großen Bagger und seine Kraft. Über einen Brummkreisel, wie schnell und bunt er sich dreht. Sie sehen das erste Mal ein Riesenrad und staunen! Freude und Neugier packen sie. Sie sind fasziniert von diesen wunderbaren Dingen, die sie nicht verstehen. „Oh“ sagen sie. „Oh, was für ein Bagger! Was für ein Riesenrad!“ Nichts lenkt sie mehr ab. Nichts ist wichtiger. Sie haben ja gar nicht gewusst, dass es so etwas gibt! Sie staunen, sie sind verblüfft. „Oh“ ist ein Ausruf des Erstaunens. Für ein Kind ist der Bagger oder Brummkreisel genauso wunderbar wie der Sternenhimmel. Sie können das alles nicht einordnen. Es ist ohne Vergleich. Wow, wie groß ist das denn! – Kinder nehmen die Dinge noch anders wahr. Ohne langweiliger Routine. Ein Stock oder Stein am Boden kann sie staunen lassen. Für uns Erwachsene ist das schwerer, zu staunen. Wir haben alles schon mal gesehen. Wir meinen alles zu verstehen. Wir kennen ja schon alles.

„Oh“, sagt Paulus zu Beginn unseres Predigttextes. Paulus staunt. Paulus kann es nicht fassen. Paulus steht der Mund offen. Ich lese Römer 11,33-36. – Die Neue Genfer Übersetzung hat das „Oh“ zu Beginn weg gelassen, das wir bei Luther finden. Ich ergänze es:

Oh, 33 Wie unerschöpflich ist Gottes Reichtum! Wie tief ist seine Weisheit, wie unermesslich sein Wissen! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege! 34 Hat jemals ein Mensch die Gedanken des Herrn ergründet? Ist je einer sein Berater gewesen? 35 Wer hat Gott jemals etwas gegeben, sodass Gott es ihm zurückerstatten müsste? 36 Gott ist es, von dem alles kommt, durch den alles besteht und in dem alles sein Ziel hat. Ihm gebührt die Ehre für immer und ewig. Amen.

Heute, liebe Gemeinde, heute loben wir Gott. Wir loben den lebendigen, großen, unergründlichen Gott. Der die Welt geschaffen hat, den Kosmos, die Sterne und Planeten. Er thront über allem. Niemand kann ihn begreifen. Heute loben wir den unfassbaren Gott, der sich in Jesus Christus klein gemacht hat. Wir loben Gott, der über allem thront und der doch hier ist. Jedem von uns ist er in seinem heiligen Geist nahe.

Mehr noch. Paulus staunt und lobt Gott als den, von dem alles kommt, was wir sehen und erleben. Nichts ist ohne ihn. Er ist in allem drin. Alles ist durch ihn und kann nur durch ihn leben und bestehen. Und alles geht zu ihm hin. Alles hat in ihm sein Ziel. Was wir sehen und erleben. Alles ist von ihm, durch ihn und zu ihm hin. – Wer will das verstehen? – Paulus staunt wie ein kleiner Junge vor einem großen Bagger. Paulus kennt Gott. Er lebt mit ihm. Aber was er jetzt an ihm erkennt, das haut ihn um. Das sprengt seine Vorstellungen. Das wirft ihn zurück und zeigt ihm, wie klein sein Denken oft war! Er wollte Gott erklären. Er meinte alles zu wissen. Er hat den Glauben an ihn in ein System bringen wollen. Nur so durfte man glauben, wie er, dachte er. Er hat Recht. Nur er hat Recht und seine jüdische Richtung der Pharisäer. Jetzt erkennt er, wie viel größer Gott ist: Er ist unerschöpflich reich. Er ist in sich selber reich. Er hat nicht einfach viel, sondern alles kommt aus ihm. Seine Weisheit kann niemand messen. Er führt Wege im Leben von Menschen, von Familien, mit Völkern, in seiner Heilsgeschichte, ... die sich niemand hätte ausdenken können.

Paulus lobt Gott. Aber dieses Lob hat einen anderen Ton, als wir es gewohnt sind. Nicht: „O Gott, wie gut bist du, der du unsere Herzen kennst und unsere Sehnsucht erfüllst!“ Sondern: „Wie unbegreiflich sind deine Entscheidungen und unerforschlich deine Wege!“ Aber sind das nicht eigentlich Worte eines Klagenden? Wenn man Gott nicht mehr versteht? Kann so nicht eher einer reden, der verzweifelt ist, der nicht begreifen kann, was in seinem Leben Schlimmes passiert? Wie unbegreiflich sind deine Entscheidungen, unerforschlich deine Wege! Das fragen wir doch eher, wenn es uns schlecht geht, wenn unser Glaube nicht zu „funktioniert“. Wenn der Glaube überhaupt je „funktioniert hat“. Wenn Glaube funktionieren würde, wäre Gott kein Roboter, ein Automat, den wir nur richtig bedienen müssen und dann funktioniert er. Wie eine Kaffeemaschine: „Ich komm zu dir und bete und du segnest mich. Fertig.“

Das tut weh, wenn man das bisher geglaubt hat, Gott würde immer alles ganz schnell gut machen. Das funktioniert wirklich nicht. Einen solchen Gott gibt es nicht. Vorher dachte man, man wüsste alles von Gott, es wäre doch klar, wie er führt und uns beschenkt. Man fühlte sich mit dem eigenen Leben auf der sicheren Seite. Gott ist doch mein guter Hirte, der es mir an nichts mangeln lässt, der mich immer auf frische Weiden führt. –Und jetzt begegnet Gott mir ganz anders. Leidvoll. Verborgen. Unverständlich. Jetzt bin ich im dunklen Tal und muss lernen, wie sein Stecken und Stab mich da trösten. Wie der gute Hirte seine Schafe im Dunkeln führt, das habe ich vorher noch nicht lernen müssen. Aber er führt. Und er tröstet. Ganz anders als ich es vorher erlebt habe.

Ich denke an eine Frau. Ich saß neben ihr im Krankenhausflur. Ihr Mann, 50 Jahre alt, war beim Tennisspielen plötzlich zusammengebrochen. Jetzt lag er im Koma. Wenige Meter von uns weg. Seine Ehefrau weinte. Aber sie sagte: „Gott darf das. Gott ist auch dabei. Anderen passiert so etwas auch. Warum sollte Gott mich verschonen?“ Ich habe es damals kaum fassen können, wie diese Frau in einem so plötzlichen Dunkel Gottes Hand gehalten hat. Wie Gott sie gehalten hat. Der Ehemann und Vater zweier Kinder ist wieder zu sich gekommen. Er lebt. Er muss auf manches im Leben achten. Aber er lebt. Und diese tiefe Erfahrung im Leben der Familie war auch eine tiefe Gotteserfahrung. Sie haben Gott neu kennengelernt.

Auch bei Paulus steht ein Leiden im Hintergrund. Der Predigttext steht am Ende von Römer 9-11. Über drei Kapitel behandelt er die Frage, was jetzt mit den Juden ist, ob Israel noch gerettet wird. Und Paulus leidet darunter. Es ist ihm nicht egal, dass Menschen verloren gehen. Auch für Paulus ist es eine Frage der Treue Gottes. Paulus versteht Gott nicht. Paulus weiß nicht, wie Gott seine Schwestern und Brüder aus Israel weiter führen wird.   Aber er bekommt Frieden und Gewissheit: Einmal wird auch Israel seinen Messias erkennen.

Auch für Paulus sind noch große Fragen offen. Aber jetzt führt ihn das zum Lob. „Gott ist viel größer als ich dachte. Gott führt ganz anders als ich dachte. Ich kann ihn mit meinem Verstand nicht fassen. Aber diesem Gott vertraue ich: Oh: Wie unerschöpflich ist Gottes Reichtum! Wie tief ist seine Weisheit, wie unermesslich sein Wissen! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!“

Paulus findet Trost und Antwort in seiner Bibel, im Alten Testament. Er zitiert in unserem Text zwei Worte aus dem Alten Testament. Das eine kommt aus dem Hiobbuch: Wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste?“ Die Frage ist rhetorisch. Es gibt nur eine mögliche Antwort: Niemand. Niemand hat Gott von sich aus etwas geben. Deshalb gibt es auch niemanden, dem Gott etwas schuldig wäre. Niemand kann Gott auf ein bestimmtes Handeln verpflichten. Keiner von uns hat einen Anspruch darauf, Gottes Wege zu verstehen und sie zu beeinflussen. Gott ist nicht in der Pflicht irgendeinem gegenüber.

Genau diese Erfahrung hatte Hiob machen müssen. Wenn es jemanden gegeben hätte, der sich einen Anspruch auf Gottes Wohlwollen erworben hätte, dann wäre es Hiob gewesen. „Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Der war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse.“ beginnt das Buch. Gott selbst sagt über ihn: „Es ist seinesgleichen nicht auf Erden.“ Aber es hilft ihm nichts. Alles wird Hiob genommen. Hiob lobt Gott nicht dafür. Hiob klagt: „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt! Warum bin ich nicht gestorben bei meiner Geburt? (...) Denn was ich gefürchtet habe, ist über mich gekommen, und wovor mir graute, hat mich getroffen.“

Der Trost für Hiob am Ende ist, dass Gott ihm sagt, dass er nicht selber Schuld für sein zerbrochenes Leben ist. Das wollten ihm seine Freunde einreden. Hiob muss die Ursache für seine Leiden nicht bei sich suchen. Hiob darf klagen. Es ist wirklich schlimm, was er erleben muss. Und er hat keine Schuld daran. Warum er so tief ins Unglück gestürzt und schließlich aus ihm errettet wurde, das bleibt Hiob verborgen. Dass Gottes Wege unbegreiflich sind, ist für ihn eine Entlastung: Er muss nicht auch noch an seiner Beziehung zu Gott zweifeln. Er muss nicht denken, dass Gott ihn verlassen hat, wenn sein Leben auch gerade unsagbar schwer ist.

Paulus zitiert noch einen zweiten Vers aus dem Alten Testament. Er zitiert aus dem zweiten Teil des Jesajabuches: „Hat jemals ein Mensch die Gedanken des Herrn ergründet? Ist je einer sein Berater gewesen?“ Jesaja blickt (Kap 40) zurück auf die verlorenen Kriege gegen die Babylonier. Er blickt zurück auf den Fall Jerusalems. Viele Juden sind verschleppt worden nach Babel in den heutigen Irak. Sie mussten ganz neu glauben lernen. Sie mussten ohne Tempel und ohne Opfer glauben lernen. Ist Gott auch in Babel stark? Sie Babels Götter nicht stärker als er? Kann man ihn auch in Babel anbeten? Ist er bei ihnen fern von Jerusalem? Was bedeutet das, wenn jeder Einzelne vor Gott steht, wenn Gott den Einzelnen richtet und nicht mehr das Volk als Ganzes? – Und der Glaube Israels ist reifer geworden, tiefer geworden, durch das Exil. Solche Leiderfahrungen verändern den Glauben, aber sie machen ihn nicht ärmer.

Hat jemals ein Mensch die Gedanken des Herrn ergründet? Ist je einer sein Berater gewesen?“fragt Jesaja. Gott führt manchmal merkwürdige Wege. Und wir verstehen sie nicht. Bei Hiob, bei den Verschleppten aus Israel und bei Paulus hat das, was sie mit Gott erlebten, ihren Glauben verändert. Ihr altes Bild von Gott wurde geweitet. Gott „funktioniert“ nicht in irgendeinem System, das wir ihm bauen. Und er ist viel größer als wir denken.

Es gibt ja auch viele Witze, in denen Gott vorkommt. In 90% der Fälle beginnen die Witze mit den Worten: „Kommt ein Mann in den Himmel …“. Der Gott, der in diesen Witzen auftaucht, ist ein älterer Herr mit Bart. Manchmal wird er auch durch Petrus ersetzt. Und Gott kommt eigentlich immer ganz gut weg in diesen Witzen. Er erscheint als ein humorvoller Herr, der, wenn es drauf ankommt, auch gerne mal fünfe gerade sein lässt. Vor allem aber ist Gott in diesen Witzen immer nur ein Jenseitsgott. Auf der Erde kommt er nicht vor. Mit der Erde hat er nichts zu tun. Und man begegnet ihm erst nach dem Tod. Und dann ist er nett, lustig, gütig.

Mit dem Gott, von dem in diesen Witzen die Rede ist, haben wir immer erst zu tun, wenn wir tot sind. Und dann ist es immer noch früh genug, sich einen flotten Spruch auszudenken, um den lieben Gott davon zu überzeugen, dass man in den Himmel gehört. Diesen lieben Gott im Himmel, den gibt es nicht. Das ist ein Märchengott. Vor dem würde ich auch nicht staunen. Den haben wir uns ausgedacht.

Ein anderes weit verbreitetes Gottesbild ist der Erziehungshelfer. Gott als moralische Instanz. Ein Gott, mit dem ich drohen kann. Ein Gott, der den Kindern Benehmen beibringt. „Damit machst du Gott aber keine Freude, wenn du so angezogen bist!“ Menschen machen Gott zum Diener ihrer Moral. Das, was sie für richtig halten, verkaufen sie mit erhobenem Zeigefinder. „Wenn du das tust, mag Gott dich nicht mehr leiden!“ Und im Grunde sind wir es, die die anderen nicht mehr leiden können. Wir geben Menschen auf, die Gott noch lange festhält.

Eine andere Art Gott zu missbrauchen ist der Zeremonienmeister. Gott, den man zu seinen Familienfeiern einlädt, der für ein besonderes Flair sorgen soll. Bei der Hochzeit muss er natürlich dabei sein. An runden Geburtstagen darf er nicht fehlen. Bei der Beerdigung muss er für einen angemessenen Abschied sorgen. Durch den Propheten Amos sagt Gott einmal „Ich mag eure Feste nicht mehr riechen!“ Täglich wartet Gott, im Alltag, bei so vielen Menschen, dass wir kommen, aber zu unsere Feiern soll er erscheinen.

Andere halten Gott für einen Naturgott, einen Feld-, Wald- und Wiesengott, den man in der freien Natur, im Rauschen der Blätter oder im Anblick von Bergen und Tälern zu erfahren meint. Gott - der Mann für romantische Stunden im Grünen. der für Flutkatastrophen und Erdbeben natürlich nicht zuständig ist. Den alten Mann mit Bart im Himmel, Gott als Event-Manager, den Gott, der sich nur in der Natur zeigt, den Schönwettergott, den gibt es nicht. Das ist alles menschengemacht. Wo haben wir Gott verniedlicht? Gezähmt? Eingezäunt? Was ist unser System, in dem er wirken soll? An welche Regeln muss er sich bei uns halten? – Und was muss er tun, um unser Gottesbild zu weiten?

Heute ist Sonntag Trinitatis. Darum loben wir Gott. Das ist auch geheimnisvoll. Das kann man auch nicht verstehen. Der ewige unfassbare Gott ist Mensch geworden. Fassbar. Sichtbar. Und durch seinen Heiligen Geist ist er heute jedem von uns nahe. Geheimnisvoll. Wie der Wind. Aber jedem von uns nahe. Paulus lobt Gott, weil er so unfassbar GUT ist! Der unvorstellbare Gott hat sich uns vorgestellt in einem Menschen namens Jesus. Das hat alles Denken über Gott bei Paulus verändert. Er ist für uns schwach geworden. Er hat für uns gelitten. Er ist für uns gestorben. Er hat für uns den Tod besiegt. Er sitzt zur Rechten Gottes, von wo er kommen wird, und von dort zieht er die zu sich, die ihm vertrauen.

Oh, 33 Wie unerschöpflich ist Gottes Reichtum! Wie tief ist seine Weisheit, wie unermesslich sein Wissen! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege! 34 Hat jemals ein Mensch die Gedanken des Herrn ergründet? Ist je einer sein Berater gewesen? 35 Wer hat Gott jemals etwas gegeben, sodass Gott es ihm zurückerstatten müsste? 36 Gott ist es, von dem alles kommt, durch den alles besteht und in dem alles sein Ziel hat. Ihm gebührt die Ehre für immer und ewig.

Amen.

 

Ich habe für meine Predigt mit Gewinn gelesen die Predigten im Internet zu Römer 11,33-36 von Sven Keppler, Gottfried Martens, Peter Schuchardt und Wolfgang Vögele.

 
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