Johannes 16, 13-23 Jesus geht, aber der Vater trägt uns.

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg
Pastor Norbert Giebel, 29.09.2019

Johannes 16, 13-23    
Jesus geht, aber der Vater trägt uns.

 

Wahrlich ich sage euch: Wenn Ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er es euch geben. Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei. Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt aber die Zeit, dass ich nicht mehr in Gleichnissen mit euch reden werden, sondern frei heraus verkündigen von meinem Vater. An jenem Tag werdet Ihr bitten in meinem Namen.
Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten will, Denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen und in die Welt gekommen bin. Ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.
Da sagten zu ihm seine Jünger: Jetzt sprichst Du frei heraus und nicht mehr in Bildern. Nun wissen wir, dass Du alle Dinge weißt und es nicht brauchst, dass jemand dich fragt. Darum glauben wir, dass Du von Gott ausgegangen bist. Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubt ihr? Siehe, es kommt die Stunde und ist schon da, dass ihr zerstreut werdet, jeder in das Seine, und mich alleine lasst. Aber ich bin nicht allein, denn mein Vater ist bei mir. Das habe ich zu Euch geredet, damit ihr Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

 

Liebe Gemeinde,

die Freunde von Jesus, seine Jünger, sie haben eine schwere Zeit vor sich. Eine völlig neue Zeit. Das haben sie noch nie erlebt. Das wird ihr ganzes Leben verändern. Aber es gibt keinen Ausweg. Jesus wird sie verlassen. Sie werden ohne ihn leben müssen. Er hat ihnen immer beigestanden. Ihn konnten sie alles fragen. Das wird vorbei sein. Sie werden ihn nicht mehr sehen. Sie werden trauern, aber sie müssen weiterleben. Darauf will Jesus sie vorbereiten.
Unser Predigttext ist ein Teil seiner Abschiedsreden.

Die Menschen damals hatten Angst vor dem Meer. Das Meer war etwas Bedrohliches. Die Jünger Jesu stehen sozusagen vor einem großen Meer. Nur Wasser vor ihnen. Wasser, in dem man untergeht. Niemand weiß, was da alles lebt unter der Oberfläche. Ihre Zukunft sieht bedrohlich aus. Traurig. Angstvoll. Einsam. Sie stehen am Ufer. Und Jesus ist wie ein Schwimmlehrer, der sie ermutigt, ins Wasser zu gehen. Die Wasser sind bedrohlich, aber der Vater wird sie tragen! Jesus wird gehen, aber der Vater wird immer für sie da sein!

Schwimmen muss man erst einmal lernen. Zuerst macht das tiefe Wasser Angst. Vieleicht sieht man andere schwimmen und wundert sich. Wie kann das sein, dass das Wasser trägt? Da geht man doch unter! Die Leute im Wasser sehen ganz entspannt aus. Als wäre es das Normalste auf der Welt, dass Wasser sie trägt. Schwimmen muss man erst lernen. Am Anfang hat man Angst vor dem tiefen Wasser. Man verliert den Halt. Ganz schnell ist der Kopf unter Wasser. „Du musst dich bewegen!“ „Gar nicht witzig. Ich bewege mich ja. Viel mehr als alle anderen. Ich strampele mit allen Kräften. Und ich schreie um Hilfe. Ich gehe unter.“

Es gibt Erwachsene, die nie schwimmen gelernt haben. Letzte Woche las ich von einer Pfarrerin, die ehrenamtlich bei der DLRG Schwimmkurse für Erwachsene anbietet. (Suse Günther, Predigt zum selben Text, 26.5.2019, Zweibrücken) Menschen, die sehen können, dass andere schwimmen, die es aber selber nie geschafft haben. Sie stehen am Ufer. Immer noch.

Mit dem Glauben ist es wie mit dem Schwimmen. Man muss es wagen. Man muss eine Entscheidung treffen. Ins Wasser gehen. Sonst lernt man es nie. Sonst steht man am Ufer und sieht, wie andere glauben, wie sie getragen werden, selbst in den höchsten Wellen gehen sie nicht unter. Wer nicht glaubt, steht am Ufer und wundert sich. Er sieht es, aber er versteht es nicht. Er will es verstehen, wie Wasser tragen kann. Aber sogar, wenn er es versteht: Er wagt es nicht. Er geht nicht los. Er hat den Mut nicht zu einer Entscheidung. Es gibt Dinge in Leben, die wird man nie erleben, wenn man sich nicht dafür entscheidet und losgeht, anfängt. Glaube gehört dazu. Und Liebe. Auch der Friede. Und das Schwimmen.

Die Jünger stehen am Ufer. Das Meer ist ihnen unheimlich. Sie werden einsam sein. Sie werden Schweres durchmachen. Jesus weiß das. Aber ihr Vater im Himmel wird sie tragen! Er wird immer für sie da sein! „Wenn Ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er es euch geben. Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei.“ ... „Ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten will, denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen und in die Welt gekommen bin.“

Eine ganz neue Qualität des Betens gibt Jesus seinen Jüngern mit auf den Weg. In seinem Namen dürfen sie jederzeit direkt zum Vater gehen. Das ist neu. Er wird nie weiter weg sein als ein Gebet. „Nicht ich werde für euch bitten“, sagt Jesus. „Ihr selbst dürft den Vater bitten! Denn er liebt euch! Er liebt euch, weil ihr mich liebt und will ihr an mich glaubt, dass ich vom Vater gekommen bin und wieder zum Vater gehe!“

Wenn Jesus gegangen ist, wenn er für die Sünden der Jünger und für unsere Sünden gestorben ist, wenn er auferstanden ist, dann wird es eine ganz neue Qualität des Betens geben. „Bisher habt ihr noch nichts in meinem Namen gebeten!“ Im Alten Bund hat Mose für das Volk gebetet. Er hat vermittelt zwischen Gott und Israel. Auch die Priester im Alten Bund hatten eine solche Mittlerfunktion. Direkt an Gott, ins Allerheiligste, da kommt man nicht so einfach hinein. Wenn du zu Gott willst, ist es besser, du hast einen Mittler.

Bei Kindern werden auch die Eltern vorgeschickt. Sie nehmen eine Mittlerfunktion ein. „Kannst du mal fragen, Papa, ob ich auch mal reiten darf?“ „Kannst du mal fragen, Mama, ob ich auch in der Mädchengruppe sein kann?“

Jesus sagt: „Ihr braucht keine Mittler mehr, wenn ihr zum Vater gehen wollt! In meinem Namen seid ihr ihm immer willkommen! Ihr braucht keinen Mose, keinen Priester oder Pastor, ihr braucht keine Mama, keine Maria, die für euch bittet, und keine Heiligen, die für euch eintreten. Ihr selbst seid ihm willkommen. Er wartet auf euch. Immer, wenn ihr betet, dann erwartet er euch schon.

„Vorher habe ich euch alles nur in Gleichnissen, in Bildern gesagt“, sagt Jesus. Jetzt sagt er es frei heraus. Bilder und Gleichnisse erklären etwas, aber sie lassen auch vieles offen. Sie sind wie Rätzel. Tatsächlich gab es im Judentum die Tradition, dass Lehrer ihren Schülern Rätzel, verborgene Geschichten und Beispiele, erzählt haben. Sie sollten darüber nachdenken. Diese Geschichten müssen gedeutet werden. Sie sind nicht ganz klar.

Manchmal, wenn Jesus ein Gleichnis erzählt hat, fragen die Jünger: „Was bedeutet das? Was soll das? Was hat uns das zu sagen?“ Jetzt spricht Jesus ganz klar:

„Ich bin von Gott gekommen. - Ich werde sterben für die Sünden der Vielen. - Ich werde auferstehen. - Und ich werde zum Vater zurückkehren. - Dort werde ich ein Haus bauen, eine Wohnung für jeden, ein ewiges Haus, in dem Frieden und Gerechtigkeit sein werden. - Alle Tränen werden abgewischt. - Dann werdet ihr erleben, was ich euch hier gesagt habe.“

Die Jünger staunen. Alles wird ruhig in ihnen. Ihre Augen glänzen, stelle ich mir vor. Ihre Freude ist groß. Und ihr Glaube ist groß. Sie haben direkten Zugang zu Gott. Und er ist ihr Vater durch Jesus. Er liebt sie. Und er will, dass sie alle Freude, die ganze Freude erleben werden. „Wenn Ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er es euch geben!“ Was für ein Versprechen! Der Vater wird ihnen genau so nahe sein wie ihnen Jesus jetzt nahe ist.

Das klingt ja fast so, als könnte man bei Gott Bestellungen aufgeben. „Morgen gutes Wetter bitte!“ Kommt sofort. „Mach meinen Nachbarn gesund“ Kommt sofort. „Lass meine Tochter ein gutes Abitur machen!“ Kein Problem. „Lass es Manna regnen, Himmelsbrot, überall, wo Menschen hungern“ Schon passiert. „Schenke Frieden in Israel. Lass Araber und Juden sich versöhnen. Und lass sich auch alle Christen versöhnen, die durch Groll oder Unrecht zerstritten sind.

„Wenn Ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er es euch geben!“ Ich kann dazu Einiges erklären, aber ganz verstehen kann ich es nicht, weil ich Gott nicht ganz erklären kann. Nein. So klappt das nicht. Jesus hat uns für diese Welt, für dieses Leben, noch nicht die Herrschaft übertragen. Wir können nicht aussuchen, wer gesund wird, wann das Wetter gut wird, wer zum Glauben kommt und endlich auch ins Wasser springt. Wir können nicht über Gottes Segen verfügen und ihn verteilen, wo wir ihn für wichtig halten. Wir können nicht einfach unsere Anliegen vorbringen und das Beten mit einem formelhaften „In Jesu Namen“ beenden.

Vermutlich würden dann nur unsere Kinder gesegnet, zumindest hätten sie das beste Abi. Und unsere Gemeinden oder Kirchen würden aufblühen und alle Menschen, die uns am Herzen liegen, würden geheilt werden. Bei jedem Freiluftgottesdienst würde die Sonne scheinen.

„In der Welt habt ihr Angst!“ sagt Jesus. Das Wort, das Luther mit Angst übersetzt hat, kann man auch übersetzen mit Bedrängnis, Not, Lasten, die uns drücken und unser Leben einengen. Die ersten Christen werden Schweres erleben. Sie werden angegriffen, ausgegrenzt, gesteinigt, den Löwen vorgeworfen. Die ersten Gemeinden mussten sich finden, ordnen; auch da wird es Streit geben, Menschen, die sich in der Gemeinde benachteiligt fühlen. „In der Welt habt ihr Not, Bedrängnisse, schwere Aufgaben, manche wird ihr Glaube an mich das Leben kosten.“

Wir haben andere Nöte. Aber das Wort Jesu gilt für alle Christen aller Zeiten: Diese Welt ist noch nicht der Himmel! Wir haben es zu tun mit Hunger in dieser Welt, mit Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen, weil sie um ihr Leben bangen. Wir erschrecken vor einem weltweit zunehmendem Nationalismus, Rechtspopulisten, Staatskrisen in vielen Ländern. Wir haben andere Krankheiten und wir haben andere Probleme in unseren Kirchen und Gemeinden. In Deutschland wird niemand um seines Glaubens willen eingesperrt oder umgebracht. Aber auch wir haben Not, Ängste, Bedrängnisse, Trauer, schwere Aufgaben zu bewältigen.

An Jesus zu glauben, das ist kein Streichelzoo. „Ihn zu lieben und ihm zu glauben“, das ist es ja, was Jesus hier sagt, warum der Vater uns liebt; Jesus zu lieben und ihm zu vertrauen, das ist kein „Leben auf dem Ponyhof“. Der „Urlaub“, die volle Freude, beginnt im Himmel. Solange wir hier leben, leben wir in zwei Welten. In Gottes Welt und doch noch hier ganz auf der Erde. Und doch erleben es die Jünger und doch erleben es Christen heute: Wir können schwimmen. Das Wasser trägt uns. Wir erleben, wie gütig Gott ist! Er erhört unsere Gebete.

„Wenn Ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er es euch geben!“ Unser Vater im Himmel hört uns und er erhört Gebete. Ich weiß nicht, warum er manche Gebete nicht erhört. Ich verstehe Gott nicht. Manchmal erkennt man, dass Gott ein Ziel damit hatte. Manchmal ist Gott gnädig, wenn er unsere Gebete nicht erhört. Manchmal hat er andere Pläne mit dem Menschen, für den wir bitten. Manchmal hat er viel mehr Zeit als wir und er lässt sein Volk 40 Jahre in der Wüste. So lange brauchen sie scheinbar, um ganz zu ihm zurück zu finden.

Oft respektiert Gott die Freiheit von Menschen, nicht nach ihm zu fragen, seinen Willen nicht zu suchen, bockig und böse zu bleiben. Oft ist er auch einfach gnädig, absolut gütig, wo Menschen gar nicht gebetet haben. Und oft verstehe ich es nicht, warum er dieses oder jenes Gebet nicht einfach erhört. Ich sehe überhaupt keinen Grund, warum er nicht hilft, uns sein Heil in diesem Punkt einfach mal sehen lässt.

Gott erhört Gebet. Ich erlebe das, wie er mich über Wasser hält, wie ich mich auch mal treiben lassen kann, wie er mich immer und immer wieder beschenkt. In „himmlischen Sphären2 bin ich deswegen noch lange nicht. Andere erleben es genauso. Ihr Leben ist auch kein Ponyhof. Aber sie sind getragen, fröhlich, können vertrauen, sie sind geborgen auch dann, wenn die Wellen im Leben manchmal rauf und runter gehen.

Auf der Gemeindefreizeit hatten wir einen Workshop zum Thema Heilung. Heilung durch Gebet. Und zwei Personen konnten von je einer wunderbaren nicht erklärbaren Heilung berichten, eine Frau hat sogar schon ein paar Mal Heilungen durch Gebet erlebt. Gott erhört Gebet. Und trotzdem leben wir noch auf dieser Erde.

Was heißt denn, im Namen Jesu beten? Zum Ersten heißt das, dass man diese unmittelbare Nähe zu Gott nur durch ihn erlebt. Jesus ist die Brücke zum Vater. Der Weg. Sein Kreuz ist die Brücke zum Vater. Im Namen Jesu beten heißt, im Geist Jesu zu beten, in seinem Sinn. Innerhalb seines Willens. Mit seinen Zielen. Sich ihm im Gebet unterzuordnen. Ihn den Herrn sein zu lassen. Wer in Jesu Namen betet, der kann nicht egoistisch beten. Der betet nicht nur für seine eignen Kinder und seine Gemeinde und sein Volk. Wer im Namen Jesu betet, der kann nicht nur beten „God save Amerika!“ Der wird auch beten „God save Mexiko!“ „God save Bolivien!“

Wer im Namen Jesu betet, der handelt auch in seinem Namen. Der will seinen Willen tun. „Alles, was ihr tut, mit Worten oder mit Werken, das tut alles in dem Namen des Herrn Jesus und danket Gott, dem Vater, durch ihn“ (Kolosser 3,17). Im Namen Jesu kann man nicht beten und selber außen vor bleiben. Wer im Namen Jesu betet, der betet unter seinem Namen.

„Wenn Ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er es euch geben!“ Wer im Namen Jesu betet, der vertraut Jesus. Der liebt ihn und der glaubt ihm.

„In der Welt habt ihr Angst! Aber seid getrost! Ich habe die Welt überwunden!“ Wer im Namen Jesu betet, stellt sich auf die Seite dessen, der die Welt überwunden hat. Und wenn die Wellen einmal ganz hoch sind, dann hebt er den Kopf aus dem Wasser und manchmal kann er dann sogar auf dem Wasser gehen! Weil Jesus ihn festhält.

Schwimmen muss man erst einmal lernen.
Glauben muss man auch erst einmal lernen.
Und manchmal stellt Gott uns wieder vor ein großes Meer.
Dann bekommen wir Angst. Wie sollen wir das denn schaffen?

Der Vater trägt uns.
Er ist nie weiter weg als ein Gebet.
Wir brauchen nur den Kopf zu heben und wir sehen direkt ins sein freundliches Angesicht.

Wer schwimmen lernen will, muss sich entscheiden. Einmal muss er sich die Füße nass machen. Wer glauben lernen will, muss sich auch einmal und immer wieder entscheiden. Am Anfang sieht das unmöglich aus. Aber dann merkt man: Das Wasser trägt wirklich. Gott trägt mich! Und dann ist die Freude groß!

Amen.

Profitiert habe ich für meine Predigt besonders von den Predigten von Suse Günther vom 26.5.2019 in Zweibrücken (internet), Detlev Klahr (predigten.evangelisch-de vom 10.5.2015) und einer Predigt von 2009 bei www.predigtkasten.de (Verfasser und Datum nicht ersichtlich.)