Lukas 10, 23 Liebe in Zeiten des Coronavirus

Andacht Gemeindeleitungsklausur 14.3.2020
(vgl. Lukas 10, 23-37) Norbert Giebel

Liebe in Zeiten des Coronavirus

Was muss ich tun, um zu Gott zu gehören? Was muss ich tun, um meine Ewigkeit bei Gott zu verbringen? Ist doch klar, dass Menschen Jesus diese Fragen gestellt haben. Jesus gibt keine klassische evangelische Antwort: Allen die Schrift, allein der Glaube, allein die Gnade, allein Christus. Jesus antwortet von Gott her, vom Wesen Gottes her. Wie es Gott gebührt, wie es Gottes Wesen entspricht, so sollen wir leben. Es gibt ein Verhalten, bei dem die Ewigkeit schon in unsere Zeit kommt, ein Verhalten, bei dem Gottes Reich unter den Menschen sichtbar wird:

Liebe Gott, deinen Herrn, mit allem, was du bist, mit allem, was du hast, was du kannst, was du denkst und was dich antreibt.“ Das ist das Erste. Und das Zweite ist ihm gleichgestellt. Das kann man nicht trennen. Das ist die Folge, wenn man Gott mit allem liebt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wer bei Gott eintaucht, um ihn zu lieben, der taucht bei seinem Nächsten auf, weil er ihn bei Gott lieben gelernt hat.

Schöne Theorie. Wie geht das? Was heißt denn das, seinen Nächsten lieben? Nehmen wir als Beispiel einen alten Mann. Mitte 70. Noch ganz fit, aber wenn er die Treppen läuft, muss er schon eine Pause machen. Er ist kurzatmig. Etwas übergewichtig. Der Kreislauf macht ihm zu schaffen. Er braucht seine Tabletten jeden Tag, gegen den Zucker, für das Herz, für die Verdauung. Dieser Mann geht ahnungslos seine Wege, die er immer geht. Heute aber wird er überfallen. Ausgeraubt. Er liegt kraftlos am Boden. Allein kommt er nicht auf die Beine. Allein kommt er da nicht durch.

Viele Menschen gehen vorbei. Sie wissen um ihn. Haben es in der Zeitung gelesen. Im Fernsehen spricht man davon. Nur keine Panik, sagen sie. Ich bin jung! Ich kann mich wehren! Ich kann weglaufen! Mich betrifft das nicht! Wenig weiter liegen noch andere Menschen, die auch überfallen wurden. Die Räuber, die die Menschen überfallen haben, heißen Corona. Man sieht sie nicht. Viele Menschen lassen sie einfach vorbei gehen, ohne ihnen weh zu tun. Immer wieder aber schlagen sie auch zu. Was heißt Nächstenliebe in Zeiten von Corona?

Der Virus breitet sich aus. Oft haben Infizierte einen leichten Krankheitsverlauf. Jeder kennt aber Menschen, die eher zu der Gruppe der Gefährdeten gehören. Ältere, schwache, kranke Menschen. Jeder wird bald Menschen kennen, die positiv getestet sind, die für eine Zeit in Quarantäne leben. Vermutlich wird jeder bald auch Personen kennen, die schwerer daran erkrankt sind, vielleicht auch Menschen, die daran sterben. Die breite Mehrheit aber muss um ihr eigenes Leben nicht fürchten.

Was heißt Nächstenliebe in Zeiten von Corona? Die vermeintlich Starken nehmen Rücksicht auf die vermutlich Schwächeren. Sie versuchen, den Räubern, den Viren, keinen Weg zu zeigen zu den Schwachen, sie nicht zu ihnen hinzubringen. Sie schützen sich selber um der Schwächeren willen, die sich gegen einen Überfall nicht gut wehren könnten.

In den meisten Kirchen hat der Virus Mitte März dazu geführt, dass alle Gottesdienste und kirchlichen Veranstaltungen ausfallen. Was heißt Nächstenliebe in dieser Situation für eine Gemeinde? Soziale Kontakte sind eingeschränkt. Es wird Christen geben, die angesteckt werden. Es wird Christen geben, die in Quarantäne kommen. Es wird Schwestern und Brüder geben, die um ihr Leben Angst haben. Manche völlig unbegründet, andere mit gutem Recht. Vielleicht gibt es auch Todesfälle in der Gemeinde, Trauernde.  

Was heißt Gemeinde – ein jeder trage die Last des anderen – in dieser Situation? Der barmherzige Samariter im Gleichnis Jesu, hat geholfen, gehandelt, sich gekümmert. Darin zeigt sich Nächstenliebe. Kein Mitleid auf Distanz, sondern überlegtes Handeln. Er hat dem Überfallenen aufgeholfen, seine Wunden versorgt, ihn auf seinen Esel gesetzt, ihn zu einer Unterkunft gebracht, immer bemüht, dass der Geschlagene nicht vom Esel rutscht, mit dem Wirt gesprochen, alles gezahlt, damit der Überfallene dort so lange gepflegt wird, wie er es braucht.

Was heißt Gemeinde sein – ein Leib sein, Jesu Leib sein – in Zeiten von Corona? Was heißt Nächstenliebe in Zeiten einer Pandemie? Überlegt handeln. Sehen, wo jemand Zuspruch oder Hilfe braucht in der Nachbarschaft oder in der Gemeinde. Die Augen nicht zu schließen vor der Not seines Nächsten.

Welche Alten trauen sich nicht mehr aus dem Haus? Welche haben keine Verwandten in der Nähe, Kinder, die sie unterstützen? Wer ist einsam in seiner Sorge. Wem könnte man Einkaufshilfe anbieten? Wen kann man regelmäßig anrufen. Von Besuchen von älteren geschwächten Menschen muss man eher absehen. Vielleicht können immer einige Ältere sich verabreden, sich regelmäßig anzurufen. Ein Video mit einer Andacht und ein paar Liedern aus dem leeren Gottesdienstraum auf die Homepage gestellt, versendet an alle Handy- oder PC-Besitzer. Vielleicht kennt jemand Eltern oder Alleinerziehende, die durch die Schließung von Schulen und Kindergärten in Not geraten sind. Kann man ihnen die Kinder einmal abnehmen? Können sich Familien zusammentun und abwechselnd die Kinder nehmen? Einzelne Freiberufliche können auch in finanzielle Not kommen.

Phantasie ist nötig. Gemeinschaft leben in einer noch nie dagewesenen Situation. Wir können uns als Gemeinde nicht treffen in den nächsten Wochen; mindestens bis zum 19.4. nicht. Gemeinde aber soll weitergehen. Gott zu ehren mit allem, was wir sind und haben. Einige haben jetzt mehr Zeit zum Beten als sonst. Sie sollten sich diese Zeit nehmen. Vielleicht auch einfach mal still sein vor Gott. Sich selber vor Gott wahrnehmen. Was wird in mir laut, wenn ich vor Gott still werde? Worauf legt Gott seinen Finger? Hat er mir vielleicht etwas zu sagen. Gott ehren. Mein Leben mit ihm teilen. Und meinen Nächsten lieben wie mich selbst. Den anderen in seiner kleinen oder großen Not nicht alleine lassen. Am Ende sagt Jesus: Geh, und handle ebenso. So wie der barmherzige Samariter. Dann kommt etwas von Gottes Herrschaft in deine Tage.

Norbert Giebel
(Wer möchte dazu Lukas 10, 23-37 lesen)