Lukas 13, 1-5 Ist der Coronavirus eine Strafe Gottes?

Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße
Pastor Norbert Giebel, Online-Impuls, 24.3.2020

Ist der Korona-Virus eine Strafe Gottes?

Hat der Coronavirus etwas mit Gott zu tun? Steckt Gott dahinter?

Wenn Christen etwas Großes, Gutes, sehr Schönes erleben, dann danken sie Gott dafür. Gott hat es ihnen geschenkt. Gott sei Dank. Wenn Christen Schweres erleben, einen Unfall, den Tod eines geliebten Menschen, wenn sie auf irgendeine Weise in schlimme Not geraten, versuchen sie es auch, mit Gott in Verbindung zu bringen. Warum lässt Gott es zu? Will Gott mir damit etwas sagen? Wie erlebe ich Gott in dieser Zeit? So ist es kein Wunder, dass Christen nun auch die Corona-Krise mit ihrem Glauben in Verbindung bringen. Man versucht einen Deutung von Gott her zu finden. Und schnell finden sich einige Propheten, die meinen zu wissen, warum Gott das Virus zugelassen hat.

Einige dieser Propheten deuten die Covid-19-Krise als ein Gericht Gottes. Eine Nachricht mit einer eher positiven Deutung aber hat mich auch erreicht: Gott würde uns wachrütteln, weil wir uns und unseren Planeten mit unserer Lebensweise zerstören. Wir hätten es alleine nicht geschafft. Aber jetzt bleiben Flugzeuge am Boden. Der Himmel wird wieder blau. Nicht ein Kondensstreifen mehr. Schiffe bleiben im Hafen. Fische bekommen ihren Lebensraum zurück. Konsum und Karriere werden entlarvt. Sie halten das Leben nicht. Sie geben keinen Sinn. Großveranstaltungen fallen aus und Menschen rücken wieder zusammen. Gott will uns wachrütteln durch diese Krise.

Andere behaupten, Gott hätte den Virus als Strafe geschickt. Die das behaupten, wissen auch immer gleich, was Gott strafen will. Gott will genau das strafen, wovon sie immer schon gesagt haben, dass Gott es verurteilt. Die Globalisierung sei unser Verderben. Das ist eine Meinung. Die Vermischung der Völker und Kulturen. Unsere offenen Grenzen. Es seien die Fremden, die uns das Virus gebracht haben. Man braucht einen Sündenbock. Dass hunderttausende Deutsche in diesem Jahr ihrerseits schon überall auf der Welt unterwegs waren, wird vergessen. Die anderen sind schuld.

Als Erstes haben sich ja islamische Geistliche aus Nordafrika zu Wort gemeldet, als die Coronakrise in China begonnen hatte. Gott strafe die Chinesen für ihren Umgang mit den Uiguren, einer islamischen Minderheit in China.

Ein anderer Prediger ist der Meinung, dass Gott Deutschland besonders bestrafe. Er sieht politische Unruhen und eine Wirtschaftskrise voraus. Gott habe die Krise gesendet. Die Bundeswehr und das Gesundheitssystem seien krankgespart worden. Die Kirchen, im Plural, sie anerkennen die Bibel nicht mehr als Gottes Wort. Die Kirchen hätten keinen Kompass mehr. Schändliche sexuelle Praktiken würden nicht verurteilt werden. Eine Bibelstelle aus Jesaja wird auf Greta Thunberg übertragen. Es sei ein Gericht Gottes, dass Politiker heute auf ein 16-jähriges Mädchen hören würden.

Da weiß jemand genau was richtig und falsch ist, wer sich an Gottes Wort hält und wer nicht. Er selbst steht natürlich auf der guten Seite. Er hält sich an Gottes Wort. Gott stellt sich auf seine Seite. Das, was er schon immer verdammt hat, das wird jetzt von Gott bestraft.

Wer mit den Fingern auf andere zeigt, nimmt sich die Chance, selber zu lernen, das eigene Leben von Gott befragen zu lassen.

Als im 14. Jahrhundert die Pest ausbrach, dauerte es nicht lange, bis Frauen als Hexen verbrannt wurden. Man wusste, wer Schuld hat und wen Gott richten will. Europaweit wurden die Juden zum Sündenbock. Sie waren schuld an der Pest weil sie den Heiland gekreuzigt haben. So wurden die Juden verfolgt. Menschen brauchen Sündenböcke.

Ist es so, dass Gott gerade die ganze Menschheit bestraft? Kollektiv? Ohne Unterscheidung des Einzelnen? Ich glaube das nicht. Gott hat es versprochen, nach der Sintflut, dass er so etwas nie wieder tun wird. Oder ist es so, dass die wahrhaft Bibeltreuen nichts zu fürchten haben? Verschont Gott jetzt die Länder, die ihre Armee besser ausgestattet haben und die nicht auf eine 16-jährige Skandinavierin hören und in denen Homosexualität unter Strafe gestellt wird?

Millionen von Menschen sind seit Jahren auf der Flucht. Warum hat da niemand gesagt, das käme von Gott, Gott wolle jemanden damit strafen, wolle uns damit etwas sagen? Ein Bischof in der Schweiz hat den Coronavirus eine Gottesgeißel genannt. Gott reicht’s! Gott schlägt zu! Bischof Eleganti bekommt viel Widerspruch aus seiner eigenen Kirche und von außen.

Ein Mitarbeiter der Deutschen Welthungerhilfe schreibt in einer Reaktion darauf, dass immer noch alle 10. Sekunden weltweit ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen der Unterernährung stirbt. Ist das auch eine Gottesgeißel? Warum haben die Christen und Kirchen dazu geschwiegen und es nicht geistlich gedeutet? Jetzt, wo es eine große Not auch in Europa gibt, jetzt wird diese Not als Gottes Eingreifen und Strafe gewertet.

Tausende sind bei Epidemien in Afrika gestorben. Da ist kein Prophet in Europa aufgestanden. Aktuell fressen riesige Heuschreckenschwärme die Ernte tausender Bauern in Afrika auf. Eine neue Hungerkatastrophe bahnt sich an. Kein geistliches Wort dazu von den Propheten der Coronakrise. Sie klagen an, was sie immer schon angeklagt haben. Fehlt noch, dass die Frauen sich wieder unterordnen und die Kinder endlich wieder gehorchen sollten.

Warum hat Gott das zugelassen? Bestimmt will Gott dadurch die Menschen strafen, oder?
Jesus ist das auch einmal gefragt worden. Zwei Katastrophen haben Jerusalem damals erschüttert. Das erste war ein Massaker an einigen Juden aus Galiläa. Sie waren nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. Pilatus, der römische Statthalter, hatte sie töten lassen während sie Schlachtopfer darbrachten. Ihr Blut vermischte sich mit dem der Opfertiere.

Was mögen diese Galiläer getan haben? Wofür hat Gott sie gestraft? Noch nie hat es so etwas gegeben. Das kann man nur als ein strafendes Handeln Gottes erklären. Und Jesus antwortet denen, die so fragen: Glaubt ihr, dass diese Galiläer üblere Menschen waren als andere? Tut Buße. Kehrt um. Ändert euer Leben, dass euch nicht das Gleiche passiert. Sie haben sich über andere den Kopf zerbrochen. Jesus sagt ihnen: Zerbrecht euch lieber über euch selbst den Kopf! (Vgl. Lukas 13, 1-5)

Eine zweite Katastrophe hatte sich in Jerusalem zugetragen. Ein großer Turm beim Teich Siloah ist eingestürzt und hat 18 Männer unter sich begraben. Und Jesus sagt denen, die nach dem Sinn oder nach dem Grund fragen: „Glaubt ihr, dass diese 18 Jerusalemer schuldiger waren als andere Menschen? Kehrt um, damit euch nicht das Gleiche passiert!“ Zwei Katastrophen und bei beiden sagt Jesus „Fragt nicht, ob Gott damit andere bestraft. Tut selber Buße. Befragt eure Leben. Geht ihr zu Gott und fragt, ob er euch etwas zu sagen hat.“

Jesus beantwortet die Frage nicht, warum Gott es zugelassen hat, dass zuerst Männer mitten in ihrem Gottesdienst abgeschlachtet werden und warum dann 18 unter einem Turm begraben werden. Die Frage bleibt offen. Je näher man betroffen ist, desto schwerer fällt das. Aber das möchte ich auch aushalten. Ich brauche solche Spekulationen nicht. Mir sind Menschen verdächtig, die meinen, Gott malschnell in die Karten sehen zu können. Und dann sehen sie nur das, was sie vorher schon gewusst haben.

Ich glaube, wenn Gott uns oder vielen von uns etwas zu sagen hat durch diese Krise, dann wird er es tun. Ich wünschte mir auch, dass viele Menschen sich positiv verändern durch diese Krise. Und ich auch. Ich bete tatsächlich jeden Tag, dass Gott zu Menschen spricht, sie wachsen lässt, sie berührt, Neues in ihnen schafft, dass Wichtiges wieder wichtig in ihrem Leben wird, dass Menschen Gott finden.

Aber ich wünsche mir das auch für mich. Will Gott mich verändern? Will er mich auf etwas aufmerksam machen? Ich will die Chance dieser Krise nicht verstreichen lassen. Jede Krise ist auch eine Entscheidungszeit. Soll ich, will ich, nach der Krise derselbe Mensch sein? Alles genau so machen? Oder will Gott, dass etwas anders wird, bei mir? Wie lebe ich meinen Glauben? Wofür investiere ich meine Kraft, meine Lebenszeit? Was will ich festhalten, was kann ich loslassen, wo kann ich viel großzügiger werden?

Eine Frau, eine Christin, sie hat ein Video von sich bei Youtube eingestellt. Sie sagt, dass ihre Schwächen gerade so viel mehr deutlich werden. Sie sei so ungeduldig. Sie haben keine Ruhe in sich. Sie sei gereizt und überstreng zu ihren Kindern. Das habe sie jetzt viel klarer erkannt. Da möchte sie, dass Gott an ihr arbeitet.

Hat Gott das Coronavirus Covid 19 geschickt? Ich glaube, dass Gott alles auf dieser Welt irgendwie auch zulässt, Gutes und Böses. Ich brauche keine pauschalen Antworten darauf. Ich will aber offen sein, mehr noch, ich wünsche es mir, dass Gott mich verändert in dieser Zeit, dass ich von ihm und für mich Neues lerne, dass ich nachher vielleicht nicht einfach „der Alte“ bin. Und das wünsche ich auch allen oder vielen anderen, dass sie Fragen an sich selbst und an ihr Leben zulassen. Die Fragen die sich ihnen stellen. Und vielleicht steckt da dann auch Gott hinter. Dass er in dieser schweren Zeit an mir und anderen auch Gutes wirken will.

Amen.