Matthäus 10, 34-39 Jesus bringt das Schwert

Ich lese zur Predigt einen Text aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 10, ab Vers 34. ‚
Aber da muss man sich wirklich fragen, ob Jesus dass wirklich gesagt hat.

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.
Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

Kann Jesus das wirklich gesagt haben? Stehen diese Worte nicht ganz offensichtlich im Gegensatz zu seiner Grundbotschaft? „Selig sind, die Frieden schaffen, denn sie werden Gottes Kinder heißen!“ lesen wir in der Bergpredigt. „Liebt eure Feinde!“ sagt Jesus dort. „Wenn du auf die Wange geschlagen wirst, halte die andere Wange auch noch hin!“

Petrus hat zum Schwert gegriffen, als die Soldaten Jesus im Garten Gethsemane verhaftet haben. „Stecke dein Schwert an seinen Ort, “ fordert Jesus Petrus auf, „denn wer zum Schwert greift, der wird durch das Schwert umkommen!“ Frieden schaffen, das ist doch das Grundmotiv des christlichen Glaubens. Frieden zwischen Gott und Menschen. Frieden zwischen Menschen. Die Friedenstifter werden seliggepriesen und Jesus wird der Friedefürst genannt. Und jetzt das?

„Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.“

Das klingt doch eher nach Gotteskrieger als nach Friedensbringer. Warum sagt Jesus das? Das Christentum hat viel Schuld auf sich geladen, weil Christen mit Druck, mit Gewalt, mit dem Schwert andere bekehren wollten. Denken wir an die Kreuzzüge im Mittelalter, an die Religionskriege in der Reformationszeit, an die Ermordung tausender Täufer, an die Kolonialzeit. Andersdenkende wurden mit dem Schwert getötet. Und diese Worte von Jesus waren ein Teil ihrer Legitimation.

Schwerter zu Pflugscharen“ war das Motto der Friedensbewegung in Ost und West. Sollen wir nun doch zum Schwert greifen? Nein! Nein! Auf keinen Fall! Jesus redet hier nicht von einem Schwert, das wir in die Hand nehmen sollen. Jesus redet nicht davon, dass wir uns trennen sollen von unseren Familien, von Andersdenkenden, von Menschen, die anders glauben. Christen sollen das Schwert nicht nehmen. Christen sollen nicht andere unterdrücken. Christen trennen sich nicht von anderen Menschen. Aber Christen werden es erleben, so wie Christus es erlebt hat! Sie werden unterdrückt werden. Gegen sie werden Menschen das Schwert erheben. Andere auch ganz nahe Menschen werden sich von ihnen trennen.

Jesus ist nicht mit Waffengewalt gekommen, er hat seine Herrschaft nicht im Kleinsten mit Gewalt aufgebaut, aber er ist mit einem gewaltigen  Wort  gekommen. Was er gesagt hat und wie er gelebt hat, das hat zu Trennungen und am Ende zu seinem Tod geführt. So etwas werdet ihr auch erleben.

Der Predigttext ist ein Teil der Aussendungsreden an seine Jünger. Jesus hat sie vorbereitet auf das, was sie erleben werden. Ihm nachzufolgen, zu leben wie es ihm entspricht, das wird Konsequenzen haben. Wer ihm folgt wird auffallen in der Welt. Wie das Salz in der Suppe. Das Christentum ist eine Entscheidungsreligion, eine Bekehrungsreligion. Christen leben anders und das wird anderen in der Welt aufstoßen. Jesus ruft in die Nachfolge und Nachfolge heißt auch Leidensnachfolge.

Jesus will den Frieden aber er bringt keinen faulen Frieden. Jesus beruhigt die Menschen nicht und sagt,  dass alles gut ist, dass sie so bleiben können, wie sie sind. An ihn zu glauben, mit ihm zu leben, das wird nicht nur kuschelig, „mit Perlwoll gewaschen“, weich, ohne Opfer.

Jesus ruft zur Entscheidung auf. Man kann ihn nicht den Herrn nennen und selbst Herr bleiben. „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.“ sagt er.

In einem Endzeitgleichnis erzählt Jesus von Menschen, die einmal zu ihm kommen werden  und  ihn „Herr Herr“ nennen. Und Jesus sagt ihnen: „Ich war nackt, ihr habt mich nicht gekleidet. Ich habe gehungert, ihr habt mir nichts zum Essen gegeben. Ich bin verdurstet und ihr hatte kein Wasser für mich. Ich war im Gefängnis, ihr habt mich nicht besucht … Hört auf mit eurem Herr-Herr-Gerede. Ihr wart doch selbst eure Herren und jedes Opfer war euch zu groß.“ (vgl. Matth 25, 31-46)

Das wäre ein falscher Friede, ein Irrtum, eine menschliche Selbstberuhigung, wenn jemand sagt: „Bei mir steht meine Familie oder mein Beruf oder meine Karriere an erster Stelle. Sie darf mich alles kosten!“ Wenn das auf Kosten der Nachfolge geht, dann ist das ein fauler Friede.

Keiner hört das gerne. Die Jünger werden es nicht gerne gehört haben. Aber Jesus bringt es auf die Spitze: Wem gehört dein Leben wirklich? Würdest du, wenn du es durch den Heiligen Geist erkannt hast, dein Leben ändern, auch wenn deine Frau, deine Kinder, deine Kollegen des nicht verstehen würden? Gehst du den breiten Weg in deinem Leben? Fragst du zuerst, was einfach ist oder fragst du zuerst, was richtig ist?

„Deine eigenen Hausgenossen werden deine Feinde werden“, sagt Jesus. „Deine Frau wird nicht verstehen, warum du dein Leben so änderst. Deine Freunde werden sagen: „So ernst muss man das nicht nehmen, mit Jesus! Halte mal den Ball flach. Immer schön ruhig bleiben.“ Auf wen wirst du hören?

Jesus selbst hat auch es erlebt, dass seine Familie ihn nicht verstanden hat. Das fing schon an, als er 12 Jahre alt war. Die Familie war nach Jerusalem gepilgert, auf dem Rückweg vermissen sie Jesus. Eilig geht es zurück nach Jerusalem. Sorge, vielleicht aber auch Wut oder Ärger machte die Eltern ihren Sohn überall in der Stadt suchen. Erst am dritten Tag finden sie ihn im Tempel mit den Schriftgelehrten diskutieren.

„Seine Eltern waren ganz außer sich, als sie ihn hier fanden!“ schreibt Lukas (2,48) Das klingt nicht so, als hätten sie ihn gleich in den Arm geschlossen und gesagt „Ach mein Schatz, da bist du ja!“ In den Augen der Eltern war Jesus nicht gehorsam. Oder er war ein Träumer. Einer, der die Zeit vergisst. Einer, der über seinem Diskutieren im Tempel seine Familie vergessen hat.

Als Jesus als Erwachsener seinen Dienst aufnimmt, zwölf Jünger berufen hat und zum Wanderprediger werden will, wollen seine Angehörigen ihn unbedingt wieder in die Familie zurückbringen. Ich lese, ich zitiere wörtlich aus dem Markusevangelium (3,21): „Als das seine Angehörigen erfuhren, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt wegzuholen, denn sie sagten sich: „Er muss verrückt geworden sein!“

Als Maria und seine Brüder an dem Haus ankommen, in dem Jesus gerade lehrt, schicken sie jemanden hinein, ihn herauszuholen. „Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen!“ wird Jesus mitgeteilt. Jesus aber sieht die Menschen um sich her an und sagt: „Hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer tut, was Gott will, der ist meine Mutter,  der ist mein Bruder,  der ist meine Schwester.“ (Markus 3,34f)

„Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.“ sagt Jesus nun seinen Jüngern.

Noch einmal: Niemand verlasse seine Familie oder vernachlässige seine Aufgaben in der Familie um seines Glaubens willen! Aber niemand stelle sich unter das Urteil der Familie oder seiner Freunde, wenn Gott ihm etwas anderes gezeigt hat.

„Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“ Das heißt: „Wer Widerständen und Opfern aus dem Weg geht, die es kosten kann, mir zu gehorchen, der ist mein nicht wert. Wer seinen Beruf, seinen Wohlstand, sein Ansehen, seinen Körper, seine Gesundheit, seine Hobbies mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert.“

Ich nehme noch mal ein ganz anderes Beispiel. Victor Orban in Ungarn warnt, die Europäer müssten ihre christliche Kultur bewahren, darum dürften sie wie Ungarn keine Flüchtlinge ins Land lassen. Was ist denn bitte eine christliche Kultur? Lebte Jesus in der Kultur, die Victor Orban beschützen möchte? Eine christliche Kultur wäre, Obdachlosen ein Zuhause geben, Fremden ein Lebensrecht einzuräumen, Menschen in Not zu versorgen. Wer seine Kultur mehr liebt als Christus, der ist sein nicht wert. Wer festhalten will, was er hat, auch wenn Menschen in Not sind, der ist sein nicht wert.

Jesus hat erlebt, dass er Menschen rufen will, die andere Pläne im Leben haben. Der reiche junge Mann, der seinen Reichtum nicht aufgeben will, zum Beispiel. Als er einen anderen in die Nachfolge rufen will, sagt der: „Lass mich zuerst heimgehen und meinen Vater begraben.“ Jesus antwortete: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes!“ (Lk 9,59-60) Das ist wirklich ein Hammer! Unmöglich! Absolut pietätlos! Unschicklich. Das wird die Leute aufregen. Das ist das krasseste Beispiel, denke ich, wie radikal die Forderung Jesu sein kann.

Natürlich spielt unsere Familie eine Rolle und wir haben da Verantwortung. Die Familie ist der erste Ort, unsere Liebe zu bewähren. Natürlich wird man sich in einem Trauerfall zuerst um die Beerdigung kümmern und auch um andere Trauernde.

Natürlich ist auch der Beruf wichtig. Nicht aber um immer reicher zu werden! Immer mehr zu haben, das ist keine christliche Berufsethik. Sondern um der Gesellschaft zu dienen, seinen Platz einzunehmen und gut auszufüllen, treu zu sein in seinen Aufgaben, darum ist der Beruf wichtig. Natürlich ist es gut, sich um seinen Körper zu kümmern und um seine seelische Gesundheit. Aber auch das Beste im Leben kann einen Platz einnehmen, der nur Christus gebührt.

Da gibt es kein Missverständnis: Hinter den Worten Jesu steht seine Frage an mich und an dich: Wer oder was ist dir das Wichtigste im Leben? Was sind deine tiefsten Motive, die Werte und Ziele, nach denen du lebst? Was darf dich Jesus kosten? In beide Richtungen: (a) Was ist Jesus dir wert und (b) wofür würdest du Jesus aufgeben, auf Distanz zu ihm gehen? Was würdest du festhalten mit dem Risiko, Jesus zu verlieren?

Den ersten Christen hat der Glaube viel gekostet. Nicht lange nach Kreuz und Auferstehung Jesu wurden die Christen verfolgt. Wer sich taufen ließ, musste Konsequenzen tragen. Die Familie hatte noch einen noch höheren Wert als heute: Der Kult der Familie, der Glaube der Eltern, aber Familie war auch die einzige soziale Absicherung, die man hatte. Es gibt viele Beispiele aus der alten Kirche, wo Eltern ihre Kinder verstoßen haben, sie ins Gefängnis warfen oder sogar töteten:

Die heilige Barbara gilt als Schutzpatronin der Bergleute. Sie lebte im 3. Jhdt. in der Türkei. Sie wurde von ihrem eigenen Vater zuerst in den Turm gesperrt und dann mit dem Schwert geköpft, weil sie trotz aller Mahnungen ihrem christlichen Glauben nicht absagen wollte.

Noch heute kostet es viele Muslime, die zum Glauben an Jesus kommen und sich taufen lassen, viel. In Stuttgart kannte ich ein junges Paar, das von der Familie verstoßen wurde. In anderen Ländern müssen Muslime, die Christen werden, um ihre Freiheit oder ihr Leben bangen.

Ein Mitstudent von mir in den 80er Jahren kam aus Bayern aus einer sehr katholisch geprägten Familie. Diese christliche Familie hat ihn ausgestoßen, als er sich taufen ließ. Ich habe damals in einem Hotel als Nachtportier gearbeitet, so auch mein Kommilitone. Er hat gerne auch die Dienste zu Ostern oder Weihnachten im Hotel übernommen, nach Hause konnte er ja nicht.

Ich halte es für einen ganz schlimmen traurigen Irrtum, wenn Christen sich von Christen trennen und einander verurteilen! Nicht die Christen nehmen das Schwert! Nicht die Christen trennen sich von anderen Menschen! Wer sein eigenes Kind, seine Eltern, seinen Ehepartner herauswirft, hat Gott nicht auf seiner Seite.

Als Jesus hier von dem Schwert gesprochen hat, hat er die trennende Wirkung des Schwertes vor Augen. Das Schwert schneidet und scheidet. Das werdet ihr Jünger erleben. So wird man mit euch umgehen. Aber nirgends sagt Jesus „Schneidet andere von euch ab! Trennt euch von denen, die nicht genau so glauben wie ihr! Gebt einander auf. Klagt einander an.“

In den neun Jahren, die ich jetzt hier in Kassel bin, haben sich mindestens zwei Familien von unserer Gemeinde getrennt. Beides ist eine Zeit her. Jahre lagen dazwischen. Beide Familien waren eine Zeit bei uns, waren aber keine Mitglieder. Bei beiden spielte es eine Rolle, dass wir in der  Ökumene  mitmachen. Wir müssten uns abgrenzen von der römischen katholischen Kirche und den evangelischen Landeskirchen. Und beide Familien konnten es nicht gutheißen, dass bei uns auch Frauen predigen. Bei der einen Familie spielte auch das Abendmahlsverständnis eine Rolle. Bei der anderen sexualethische Fragen.

Ich kann jetzt nicht und habe keine Lust meine oder unsere Positionen in diesen Fragen zu erklären. Mir geht es um den Punkt, dass Christen sich von anderen trennen, ihnen den rechten Glauben absprechen, sich auf einen kleinen Kreis der Rechtgläubigen zurückziehen wollen. Auch Christen können das Schwert nehmen und es gegen andere Christen richten und sich trennen und sie meinen, dass sie damit diesem Jesuswort gehorchen würden. Ich denke da passt ein anderes Jesuswort: „Richtet nicht, dass ihr nicht gerichtet werdet.“ (Mat 7,1)

Ich bin am Ende wieder am Anfang:
Sollte Jesus das wirklich gesagt haben? Kann man diese Verse nicht aus der Bibel herausschneiden? Wir haben verstanden, dass das Schwert bildlich gemeint ist, dass Christen keine Gewalt anwenden sollen. Aber seine Worte bleiben eine starke Herausforderung. Die Frage von Jesus bleibt im Raum: „Für wen hältst du mich eigentlich?“
– „Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“

Amen.

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