„Ich gehe dahin, wo du hingehst“

Liebe Gemeinde,

heute geht es um diese drei Frauen in der Predigt. Männergeschichte gibt es viele in der Bibel. Heute ist es eine Frauengeschichte. Männer spielen heute nur eine Nebenrolle. Marc Chagall hat in diesem Bild eine wichtige Szene dieser Geschichte dargestellt. Drei Frauen, die zusammenhalten, die wie ein Körper werden, ganz eng miteinander verbunden sind. Die Mittlere von den dreien hat zunächst die Hauptrolle. Die anderen beiden wenden sich ihr zu. Sehr liebevoll. Zärtlich.

Die kräftige Sonne oben ist ein Hinweis auf Gott. Gott ist voll dabei. Er sieht sie, liebt sie,  lenkt sie, er will Großes aus der Geschichte ihres kleinen Lebens machen. Er gehört wie ein Vierter mit in dieses Bild, der diese drei umarmt und im Hintergrund einen großen Plan hat. Unten links ein kleines Lamm im Bild. Abwartend. Passiv. Noch ist nicht seine Zeit. Aber einmal wird dieses  Lamm  die  Hauptrolle übernehmen. Das Lamm ist ein Hinweis auf Christus. Aber da sind wir heute in unserer Predigt noch lange nicht.

Drei Frauen. Die mittlere heißt Noomi. Sie kommt aus Bethlehem, die Stadt in der später König David geboren wird, die Stadt in der auch Jesus einmal geboren wird. Die beiden anderen Frauen zur Linken und zur Rechten, sie sind keine Juden. Sie kommen nicht aus Judäa aus dem Süden Israels und auch nicht aus dem Norden. Sie sind Moabiterinnen. Sie kommen aus dem Nachbarland östlich des Jordan. Sie sind Araber, Vorfahren der Araber, keine Juden.  Und sie sie sind die beiden Schwiegertöchter von Noomi.

Wie ist das denn passiert, dass ein Jüdin zwei Schwiegertöchter von den Moabitern hat und dass die drei so eng miteinander verbunden sind? Warum ist Gott an der ganzen Sache so interessiert? Und was hat das Lamm, was hat Jesus damit zu tun?

Noomi war als junge Frau mit ihrem Mann Elimelech und ihren beiden Söhnen Machlon und Kiljon nach Moab geflohen. In Israel wurde gehungert. Die Ernten sind der heißen Sonne zum Opfer gefallen. Ausgerechnet in dem Land, in dem doch Milch und Honig fließen sollte, wurde gehungert. Und ausgerechnet aus Bethlehem kam diese Familie. Bethlehem heißt Brothaus oder Brothausen übersetzt. Das war die Kornkammer Judäas. Nun gab es kein Brot mehr in Bethlehem. Die Familie flieht nach Moab. Nicht gerade eine gute Adresse. Die Moabiter waren entfernte Verwandte. Sie waren die Nachkommen von Lot, dem Neffen Abrahams. Lange aber war Feindschaft anstelle von Verwandtschaft getreten.

Es war die Zeit, als die Richter Israel richteten, also regierten. Mitte des 12. Jahrhunderts vor Christus. Nur 100 km ist die Familie aus Bethlehem nach Osten gezogen. Und obwohl es viele Ressentiments, Vorurteile und Feindbilder hin und her zwischen den Juden und Moabitern gab,  wurden sie gut aufgenommen. Sie kamen als Flüchtlinge. Und sie wurden gut integriert. Viele Moabiter sahen die Not ihrer Nachbarn und waren bereit, ihnen neue Heimat zu geben.

Die beiden Söhne, Machlon und Kiljon, sie lernen wieder spielen und fröhlich sein. Sie wachsen heran mit moabitischen Freunden. Und als die Zeit reif war, gab es auf keiner Seite Bedenken, als sie zwei junge Moabiterinnen heirateten. Ruth und Orpa. Das sind die beiden anderen Frauen auf der Lithographie von Marc Chagall.

Dann kommt schweres Leid über die Familie. Der Vater stirbt. Elimelech. „Gott ist König“ heißt das übersetzt. Und wenig später sterben nacheinander beide Söhne. Machlon, der Schwächliche heißt sein Name übersetzt, und Kiljon, der Zerbrechliche heißt sein Name. Alle drei Männer sterben nacheinander. Die drei Frauen sind Witwen. Die Ehen der Söhne mit Ruth und Orpa sind kinderlos geblieben.

Das ist das Schlimmste, was Frauen damals passieren konnte. Über alle Trauer hinaus bedeutete ihr Schicksal den finanziellen Ruin. Frauen waren rechtlich nicht geschäftsfähig. Frauen gehörten ihren Männern, aber ihnen gehörte nichts. Frauen konnten keine Häuser oder Grundstücke besitzen. Sie konnten nicht einmal etwas erben. Für Frauen gab es keine bezahlte Arbeit. Noomi, Ruth und Orpa konnten betteln gehen. Oder noch einmal heiraten.

Noomi, der Name der Mutter, hat auch eine Bedeutung: Die Angenehme, die Liebenswürdige. Noomi ist bitter, verzweifelt. Ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt. „Ich will nicht mehr Noomi genannt werden!“ sagt sie. „Nennt mich Mara“, das heißt die Bittere. „Zu bitter hat mir das Leben mitgespielt.“ Noomi bzw. Mara ist ausgebrannt.  Am Ende. Kraftlos. Ohne Perspektive.  Sie wird einsam und bitterarm alt werden. Aber Noomi trifft eine Entscheidung. Sie will zurück in die Heimat. Nach Bethlehem. Da hat sie Verwandte. Da kann sie sich als Witwe an die Synagoge wenden und wird unterstützt werden. Die Hungersnot dort ist lange überwunden.

Ihre Schwiegertöchter begleiten sie hinaus aus der Stadt in Moab. „Geht zurück. Geht in eure Familien“ fordert Noomi bzw. Mara. „Ihr werdet einen neuen Mann finden. Ihr seid noch jung. Ihr habe das Leben noch vor euch!“ Die drei weinen. Aus Trauer. Weil sie Abschied nehmen müssen, weil keine weiß, wie es weitergeht. Ruth und Orpa aber lassen sich nicht wegschicken. Sie gehen weiter mit ihrer Schwiegermutter, verlassen ihre Stadt. An der Grenze zu Juda die gleiche Szene. Das ist die Szene, die Chagall festgehalten hat. Wieder redet Noomi auf die beiden anderen ein.

„Was wollt ihr mit mir gehen? Ich war hier eine Fremde, ein Flüchtling, mein Mann ein Gastarbeiter. In Judäa werdet ihr Fremde sein, nicht dazu gehören. Ich bin zu alt. Ich kann euch keinen neuen Mann auf die Welt bringen. Und wenn ich noch einen Mann fände und einen Sohn bekäme: Wollt ihr warten, bis er erwachsen ist und euch heiraten kann?“ Eine Frau ohne Mann war in der damaligen Kultur undenkbar. Wovon sollte sie leben?

Die drei ringen um den rechten Weg. Gott sieht sie und lenkt sie. Das Lamm am Rand wartet ab, auf seine Zeit. Orpa küsst ihre Schwiegermutter und geht zu ihrer Familie. Das ist in Ordnung. Orpas Entscheidung wird in keiner Weise kritisiert. Weinend und liebevoll verabschieden sich Noomi und Orpa. Ruth bleibt. Ruth geht mit Noomi. Jetzt geht Ruth als Flüchtling, mittellos, in das fremde Nachbarland. Von dieser jungen Frau, mittellos, heidnisch, verwitwet, von ihr kommt eine der schönsten Liebeserklärungen überhaupt. Sie schwört Noomi die Treue. Sie bindet sich an sie. Auf Gedeih und Verderb. Sie sieht Noomi an, bzw. Mara, und sagt:

„Wo du hingehst, dort will ich auch hingehen, und wo du lebst, da möchte ich auch leben.  Dein Volk ist mein Volk  und  dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da will ich auch sterben und begraben werden.“ (Ruth 1 ,16-17).

Ruth schwört ihrer Schwiegermutter Treue. Sie wird sie nie im Stich lassen. Egal, was passiert. Und sie bindet sich nicht nur an sie, sondern auch an ihren Glauben. Sie nimmt Jahwe, den Gott Israels, an ihren Gott an. Wie Ruth vorher zum Glauben ihres Mannes gestanden hat, wissen wir nicht. Was hat sie mitbekommen vom Glauben Noomis oder Elimelechs? Jetzt entscheidet sie sich. Das erste Mal? Oder stand sie dem Glauben schon nahe? Jetzt entscheidet sie sich. Dein Gott soll mein Gott sein. Wir gehen zusammen in eine ungewisse Zukunft. Und wir gehen im gemeinsamen Glauben in dieses Leben.

Das Versprechen von Ruth kann man auch für eine Traupredigt oder ein Trauformular nutzen. Frau und Mann sagen es dann einander zu: „Wo du hingehst, dort will ich auch hingehen, und wo du lebst, da möchte ich auch leben. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da will ich auch sterben und begraben werden.“ Wir gehen in ein gemeinsames Leben. Wir wissen nicht, was uns alles erwartet. Aber wir gehen in einem gemeinsamen Glauben in dieses Leben. Über die Grenze. Nach Juda. In die Fremde.

Das hebräische Wort, das Ruth verwendet, wird von alters her auch für das Eheversprechen verwendet. Dawak ist das Wort für „mit dir gehen“  und dasselbe Wort wird in der Schöpfungsgeschichte verwendet, als es heißt, dass der Mann seine Familie verlässt um der Frau „anzuhängen“, um mit der Frau mitzugehen. Der Mann wird Vater und Mutter verlassen, um ganz fest gebunden mit seiner Frau mitzugehen. Ruth verlässt ihre Familie, um ganz fest verbunden mit Noomi mitzugehen.

Ich will nur kurz erzählen, wie es weitergeht. Sie kommen in Bethlehem an. Ruth geht zur Nachlese auf die Felder. Was nach der Ernte liegen blieb, durften sich Arme, Fremde und Witwen aufsuchen. Ein Landbesitzer wird auf sie aufmerksam. Boas heißt er. Er sagt seinen Arbeitern, sie sollen ruhig einiges auf den Feldern für sie liegen lassen. Sie schollen sie schützen. Ihr auch Wasser anbieten, wenn sie selbst etwas trinken. Noomi bekommt heraus, dass dieser Mann ein Verwandter von ihr ist. Und ab dem Moment, wo sie es weiß, ist es ihr Plan, Ruth und Boas zusammenzubringen.

Einerseits gab es damals die so genannte Schwagerehe oder Leviratsehe: Wenn ein Mann starb ohne Kinder, dann sollte ein Verwandter dessen Frau heiraten, um mit ihr auch für den Verstorbenen ein Kind zu zeugen. Für uns heute sehr fremd. Aber damals hat man einen wichtigen Teil seines Lebenssinnes nicht erfüllt, wenn man kinderlos blieb. Boas könnte als Verwandter Ruth heiraten.

Noch ein zweites Rechtskonstrukt könnte Anwendung finden. Wenn ein Israelit zum Sklaven wurde, seinen Besitz verlor, dann konnte jemand anderes aus der Familie seine Schulden zahlen und ihn freikaufen; erlösen nannte man das. Einen solchen Verwandten nannte man Löser oder wird würden Erlöser übersetzen. Der Erlöser ist jemand, der alle Schulden zahlt, damit einer seiner Verwandten wieder  frei  leben  kann.

Ich kürze die Geschichte um einige Details. Im Buch Ruth können wir lesen, wie Ruth und Boas sich näher kommen. Boas imponiert die Treue dieser Frau. Schließlich legt sich Ruth, frisch gewaschen und wohl riechend, wie Noomi es ihr aufgetragen hat, abends auf dem Feld neben Boas. Das ist wie ein Heiratsantrag. Sie bietet sich ihm als Frau an.  Sie bittet ihn, seine Frau werden zu dürfen. „Breite den Zipfel deines Gewandes über deine Magd, denn du bist der Löser!“ sagt sie Boas. „Decke mich zu, denn du hast das Recht oder die Pflicht, die beste Möglichkeit, mich zur Frau zu nehmen.“

Happy end. Die beiden heiraten. Gott aber hatte einen größeren Plan mit ihnen: Sie bekommen einen Sohn Obed. Obed ist der Vaters Isais. Isai aber ist der Vater von König David. Dem König David aber sagt Gott zu, dass aus seinen Nachkommen einmal der Messias geboren werden wird. Hier in Betlehem. Jesus wird in Bethlehem geboren. Da wird das Lamm geboren, das geopfert wird, das Chagall bereits in sein Bild hineingemalt hat. Matthäus schreibt den Stammbaum von Jesus auf. Und darin finden wir Ruth, die Moabiterin. Eine Ausländerin. Eine Heidin, die zum Glauben an den Gott Israels gekommen war.

Warum steht diese Frauengeschichte in der Bibel? Es gibt kein besonderes Wunder zu bestaunen. Keine großen Helden. Kein König. Kein Prophet. Eine Familiengeschichte. Wie ein Roman. Die Geschichte von ein paar Frauen. Wie sie trauern und leiden. Wie schlimm das Leben spielen kann.  Eine Frau,  die droht, bitter zu werden, die aber geliebt wird. Durch die Liebe ihrer Schwiegertochter tun sich neue Türen auf. Und eine Geschichte, in der zwei Frauen schlau und weitsichtig zu ihrem Ziel kommen. Die Tenne als Heiratsmarkt. Die Waffen eine Frau bringen die Wende.

Ruth, das ist eine Geschichte voller Mitgefühl und Mitmenschlichkeit: Die Moabiter nehmen Flüchtlinge freundlich auf. Eine kleine Geschichte mitten in eher reservierten feindlichen Beziehungen zweier Völker. Und Ruth bindet sich ganz freiwillig an Noomi. Sie lässt sie nicht fallen. Boas ist ausgesprochen aufmerksam und großzügig. Eine Geschichte, wie gut sich Menschen tun können. Ganz normale Menschen, die andere im Blick haben.

Hannah findet Heimat in der Fremde. Dann ab er ist es auch eine Geschichte vom Aufbruch, von Entscheidungen, wie man sie im Leben treffen muss. Noomi muss sich entscheiden. Sie muss im Alter noch einmal neu Heimat finden. Sie zieht noch einmal um. (Wir haben in der Gemeinde gerade ein Ehepaar, beide über 60, die mit ihrer Mutter Kassel verlassen und noch nach Norddeutschland ziehen.)

Orpa hat sich entschieden, in ihrer Heimat zu bleiben. Sie bleibt eher in einem normalen, erwartbaren Handlungsrahmen. Ruth trifft eine Entscheidung für Gott und für Noomi. Sie ist bereit für neue, ungewohnte Wege.   Sie will sich führen lassen. Sie lässt sich von der Liebe leiten. Verlässt ihre Heimat um der Liebe willen.

Eine Mutmachgeschichte für Generationen von jüdischen Frauen, in denen eine Moabiterin die Hauptrolle spielt. Die fremde Rut wird zur Identifikationsfigur der jüdischen Leserinnen oder Erzählerinnen. Eine trostvolle Geschichte, in der Gott am Ende das Schicksal einer Frau zum Besten wendet.

Juden und Christen finden im Buch Ruth ihre Wurzeln wieder. Aber es ist eine Geschichte von kleinen ganz normalen Leuten. Wo kommst du darin vor? – Im Bild von Marc Chagall ist Gott bei allem dabei. Er ist die kräftige Sonne, die den Weg der Frauen begleitet. Er begleitet auch uns auf unserem Weg.

Was bist du heute?

  • Hast du Hunger und musst dein Land verlassen? Altgewohntes aufgeben?
  • Bist du in der Fremde angekommen und musst neu Heimat finden?
  • Bist du ein Moabiter, der freundlich ist, Flüchtlinge aufnimmt?
  • Bist du in Trauer? Hat das Leben dir böse mitgespielt? Bist du bitter geworden?
  • Bist du Ruth und bindest dich aus freien Stücken aber voll verantwortlich an einen anderen Menschen? An deinen Nachbarn, deine Schwiegermutter, einen Arbeitskollegen, eine alte Tante oder sonst irgendwie Verwandte?
  • Bist du Boas, ein Wohlhabender oder ein Arbeitgeber, der sich aufmerksam und großzügig gegenüber jemand anderem zeigt?

Wer bist du in dieser Geschichte?

Diese drei Ermutigungen möchte ich dir zusagen:

  1. Gott sieht dich und er liebt dich.
  2. Gott führt dich und segnet dich in deinen Entscheidungen, die du triffst!
  3. Gott kann Großes, Wunderbares in dein Leben legen.
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