Lukas 10, 38-42 Hören und Handeln – Maria und Martha

12.11.2023

(Ein Anspiel ging voraus. Zwei Freundinnen finden keinen Termin, sich zu treffen.)

Keine Zeit. Ich habe keine Zeit, mich mit einem Freund zu treffen. Keine Zeit, gemeinsam zu kochen, gemeinsam zu essen. Keine Zeit jemand zu besuchen. Keine Zeit für eine Radtour oder Wanderung. Keine Zeit für meine alten Eltern oder meine Kinder. Wofür ich mir Zeit nehme, zeigt, was mir wichtig ist. Und manchmal muss man in einer bestimmten Zeit das erkennen, was wichtig ist. Auch bei Martha und Maria geht es darum, zur rechten Zeit das richtige zu tun. Ich lese aus dem Lukasevangelium 10, 38-42:

38 Als Jesus mit seinen Jüngern weiterzog, kam er in ein Dorf. Dort nahm ihn eine Frau namens Marta gastlich auf. 39 Sie hatte eine Schwester mit Namen Maria, die setzte sich zu Füßen des Herrn nieder und hörte ihm zu. 40 Marta dagegen war voll damit beschäftigt, das Essen vorzubereiten. Schließlich trat Marta vor Jesus hin und sagte: »Herr, kümmert es dich nicht, dass mich meine Schwester die ganze Arbeit allein tun lässt? Sag ihr doch, dass sie mir helfen soll!« 41 Der Herr antwortete ihr: »Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und verlierst dich an vielerlei, 42 aber nur eins ist nötig. Maria hat die richtige Wahl getroffen. Sie hat sich für ein Gut entschieden, das ihr niemand wegnehmen kann.«                                                                                   (Gute Nachricht Übersetzung)

Jesus und seiner Jünger wandern von Ort zu Ort und sind in Bethanien angekommen. Eine Frau namens Martha hat Jesus in ihr Haus aufgenommen. Das muss ein besonders Haus und eine besondere Frau gewesen sein. Kaum eine Frau hat ein Haus besessen. Auch dass sie nicht verheiratet war, ist ungewöhnlich für die damalige Zeit. Vielleicht war sie Witwe oder sie hat das Haus geerbt. Sicher war sie eine Geschäftsfrau, selbstständig, zupackend, fleißig. Ihr Fleiß hatte ihr einen bescheidenen Wohlstand eingebracht.

Vermutlich war Marthas Haus eine Herberge für Reisende. Sicher keines der damals üblichen Einraumhäuser. Bethanien war nahe an Jerusalem ein beliebter Zwischenstopp. Es gab Pilger, die zu großen Festen in die Stadt kamen, um am Tempel zu opfern und zu beten. Auch gab es das ganze Jahr über Händler, die auf der Durchreise waren und in Bethanien übernachteten, weil es dort billiger war als in Jerusalem. Martha hat also vermutlich eine Herberge gemanagt. Nun geht sie auf Jesus zu und lädt ihn in ihr Haus ein.

“Martha” bedeutet wörtlich “Herrin”. Und das war sie: Anpackend, zuverlässig und bis zum Umfallen fleißig. Eine, die unter Druck zu Hochformen aufläuft. Was sie in die Hand nahm, das klappte auch. Einfach mal frei machen, kam für Martha nicht in Frage.

„Komm Herr Jesus sei du unser Gast!“ sagt sie jetzt. Und es ist nicht klar, ob sie mit ihm nicht auch die zwölf Jünger beherbergte. Maria, ihre Schwester, setzt sich zumindest später zu anderen dazu, als Jesus erzählte.

Aldi, Lidl und Rewe gab es nicht. Also schnell die Vorräte sichten und dann ab auf den Markt,  Fladenbrot, Gemüse und Oliven kaufen, ein paar Gewürze noch und Datteln und – zur Feier des Tages – ein Huhn oder ein Lamm. Dem Gast vorher etwas Wasser bringen, ein paar Oliven dazu, dann Gemüse reinigen, Fleisch vorbereiten, den Ofen anfeuern, zwischendurch abwaschen. Vielleicht stand ihr noch eine Magd zur Seite, in jedem Fall läuft in der Küche alles auf Hochtouren! Jesus und seine Zuhörer hören Töpfe und Pfannen aus der Küche. Und sie riechen den Braten.

Es gibt auch heute viele Menschen, die wie Martha leben. Sie haben gut zu tun. Vielleicht eine berufstätige Mutter. Vielleicht sogar alleinerziehend. Wen sie nach Hause kommt, ist sie für die Kinder da.  Hört zu, hilft bei Hausaugaben, schlichtet Streit, bereitet das Essen vor, macht eine Waschmaschine voll, putz noch schnell das Bad, bringt die Kinder zu Bett. Über Beruf und Familie hinaus macht sie noch Besuche oder bereitet eine Moderation für einen Gottesdienst vor.

Oder ein Mann, ein Vater, der früh aus dem Haus geht und spät abends wiederkommt, der Berufs wegen viel reisen muss, zwei, drei Tage nicht zuhause ist, und sich dann noch in der Gemeinde engagiert, ehrenamtlich im Vorstand eines Diakoniewerkes arbeitet, die Homepage gestaltet. Es gibt viele Menschen, die wie Martha leben. Gott sei Dank. Was würden wir ohne sie machen!?

Beide Schwestern, Martha und Maria, wissen: Sie haben heute keinen x-beliebigen Gast bei sich. Beide reagieren sehr verschieden: Martha fängt an zu arbeiten, sie tut, was sie kann, sie macht, was sie immer macht. Maria aber fehlt in der Küche. Sie sitzt zu den Füßen von Jesus und hört ihm zu. „Zu jemandes Füßen sitzen“ bedeutete, Schüler von jemandem zu sein. Das war die Haltung eines Jüngers. Jesus lehrt und eine Frau setzt sich dazu, um zu lernen.

Maria war auch eine außergewöhnliche Frau. Ihr Verhalten war höchst ungewöhnlich, unschicklich in den Augen vieler. Frauen und Religion passten damals nicht zusammen. Eine Frau durfte einen Rabbi, einen jüdischen Lehrer, auf der Straße nicht einmal ansprechen. Im Tempel hatten Frauen ihren eigenen Bereich, nur dort durften sie beten, bloß nicht zu dicht am Allerheiligsten. Eine Synagoge durften Frauen nicht einmal betreten. Eine Schriftrolle galt als verunreinigt, wenn eine Frau sie berührt hatte. Nur Männer durften heilige Schriften anfassen und aus ihnen vorlesen.

Paulus schreibt den Korinthern 25 Jahre später: „Wenn eine Frau Fragen hat, soll sie zuhause ihren Mann fragen!“ Frauen hatten viele Fragen, sie konnten ja bisher nichts lernen. Jetzt in den Gottesdiensten der Christen aber konnten auch sie das Wort ergreifen und ihre Fragen stellen. Paulus sagt nicht, wenn eine Frau etwas zu sagen hat, soll sie es zuhause ihrem Mann sagen! Manche haben es so verstanden!

Paulus kennt Prophetinnen, die vier Töchter von Philippus (Apg 21,9). Natürlich wollte die Gemeinde hören, was Gott durch sie zu sagen hat. Paulus kennt Frauen, die Verantwortung in Gemeinden haben: Die Purpurhändlerin Lydia. (Apg 16,14), Priska, die mit ihrem Mann Aquila eine Gemeinde in Rom leitete (Apg 18,26; Röm 16,3). Paulus sendet eine Frau, Phöbe, die Diakonin von Kenchräa, mit seinem wichtigen Brief nach Rom. Sie soll ihn dort vertreten. (Röm 16,1) Aber der Nachholbedarf der Frauen war immens. Das gab es vorher nicht, Frauen, die lernen, die sich eigenständig mit Fragen des Glaubens auseinandersetzen, und anderen von ihrem Glauben erzählen.

Maria ist eine besondere Frau. Sie will es wissen. Sie will Jesus selbst hören. Sie will den Alltag jetzt nicht. Sie lässt alles beiseite, schaltet alles um auf Jesus. Sie ist ganz auf ihn konzentriert. Sie saugt auf, was er zu sagen hat.  Sie lässt seine Worte in ihre Seele fallen. Was für ein Bild in der damaligen Zeit: Eine Frau setzt sich zu Füßen eines Rabbis, um zu lernen.

Martha und Maria, zwei besondere Frauen. Eigentlich könnte alles gut gehen. Die eine kocht, die andere hört. Aber bei der einen „kocht noch etwas anderes hoch“: Sie fängt an, sich über ihr Schwester zu ärgern. Beide ehren Jesus. Beide tun etwas Sinnvolles. Beide verändern ihr Verhalten, weil Jesus bei ihnen ist. Die eine aber weiß es genau: So kann man Jesus nicht ehren, wie ihre Schwester das tut. So gehört sich das nicht. Böser Groll baut sich auf. Ein Unwetter über die Schwester zieht heran: „Ich muss hier schuften. Maria sitzt da wie ein Kerl, wie ein Mann unter Männern. Sieht sie nicht, was zu tun ist? Ich kann bald nicht mehr und sie hört sich Predigten an? Und Jesus gefällt das wohl noch, was?  Er sieht auch nicht, was zu tun ist. Mich sieht er nicht. Ich kümmere ihn nicht!“

Marthas Urteil über ihre Schwester steht fest. Sie geht zu Jesus. Mit ihrer Schwester redet sie nicht. Sie hätte ihr auch sagen können „Hilf mir mal eben in der Küche. Hole doch schon mal die Teller rein.“ Marta spricht Jesus an. Sie will Jesus auf ihre Seite bekommen. Sie scheint sich auch über ihn zu ärgern!  Sie fragt nicht, was er dazu denkt. Es ist doch klar: Wenn viel Arbeit da ist, dann hat man keine Zeit zu beten oder einfach bei Jesus zu sitzen!

Herr,“ sagt Marta zu Jesus, „Herr, kümmert es dich gar nicht, dass meine Schwester mich alle Arbeit allein tun lässt? Sag du ihr doch, dass sie mir helfen soll!“ Da ist eine ganze Portion Frust dabei. „Siehst du das nicht, Jesus? Siehst du mich nicht?

Jesus ist da. Eine Schwester arbeitet fleißig, ohne Pause, für Jesus. Sie ist Herrin im Haus. Es ist ihr Haus und sie weiß, wie es hier zu laufen hat. Sie wird zornig, weil Maria sich etwas anderes erlaubt. Es gibt Menschen, die Herren oder Herrinnen sein wollen, die es besser wissen, die es anders machen würden, die Jesus dienen und am Ende ihre Geschwister verurteilen, nicht einmal mehr mit ihnen reden.

Wir können Marthas Frage gut verstehen. Wie antwortet Jesus?

„Marta, Marta“ sagt Jesus. Das war damals so wie heute: Wenn jemand zwei Mal deinen Namen sagt, hat er den Eindruck, du hörst nicht. Du hörst nicht zu. Du bist in deiner Sicht der Dinge, in deinen Aufgaben, deinem fleißigen Alltag gefangen. „Marta, Marta“, das ist liebevoll aber auch eine Mahnung: „Marta, Marta! Kannst du mich hören da drinnen in deinem Fleiß, zwischen deinen vielen Aufgaben? Achtung, Achtung, Jesus an Marta: Hörst du mich?!“ „Marta, Marta“ sagt Jesus, „du machst dir viel Mühen und Sorgen! Du verlierst dich an so vielerlei. Du schaffst dir einen Ozean an Aufgaben und du ertrinkst darin.

»Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und verlierst dich an vielerlei, 42 aber nur eins ist nötig. Maria hat die richtige Wahl getroffen. Sie hat sich für ein Gut entschieden, das ihr niemand wegnehmen kann.

Was wären wir ohne die vielen Marthas!? Diese ganze Situation hätte es nicht gegeben, wenn Marta Jesus nicht eingeladen hätte. Es geht Jesus nicht darum, Hören und Tun gegeneinander auszuspielen. Jesus will nicht polarisieren zwischen Stille vor ihm und Aktion für ihn. Marta aber scheint nur getrieben von ihren Aufgaben. Sie hatte die Wahl wie ihre Schwester auch. Sie hat in ihrer Betriebsamkeit nicht erkannt, dass sie Jesus braucht, dass sie seine Worte braucht, sie kommt nicht aus ihrem Hamsterrad, obwohl Jesus heute in ihrem Haus ist.

Jesus lobt keine Untätigkeit bei Maria. Beten, Jesus hören und nichts tun, das wäre mindestens ebenso falsch. Immer aktiv sein aber und nicht mehr zu der Quelle zu gehen, wo es Kraft gibt, Trost, Ruhe, neue Ausrichtung, da schadet man sich selbst. Es geht darum, Jesus an sich etwas tun zu lassen! Willst du ein aktiver Christ sein, fängt es immer damit an, Jesus an dir etwas tun zu lassen. Der Friede Gottes, die Freude Gottes, die Liebe Gottes will zuerst und immer wieder bei dir ankommen. Er will dir dienen! Damit soll es immer wieder anfangen. Sonst arbeitest du schnell nur aus eigener Kraft. Oder du bist fleißig, wo du hören solltest. Oder du arbeitest an Jesus vorbei. Oder du wirst die deiner selbst so sicher, dass du andere verurteilst.

Man kann auch beten und das Nötige nicht tun! Direkt vor dieser Begegnung in Bethanien steht im Lukasevangelium das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Da geht es um fromme Leute, die die Not nicht sehen, die nicht aktiv werden. Da ist ein Mensch in Not geraten, überfallen von Räubern, liegt verwundet auf der Straße, kann sich selbst nicht helfen.  Da muss sofort gehandelt werden. Wer da nichts tut, sondern weitergeht zum Tempel, in die Gemeinde, in den Gottesdienst, der tut nicht, was Gott will. Man kann tätige Liebe, Hilfe in Not, nicht ersetzen durch Frömmigkeit. – Aber das stimmt eben auch: Kein Tun, kein noch so fleißiger Einsatz für Jesus, kann Zeiten mit ihm ersetzen, wo man zu seinen Füßen sitzt.

Jesus hätte Marta sagen können, was er auch den Jüngern einmal gesagt hat: „Ich bin nicht gekommen, mir dienen zu lassen, sondern zu dienen!“ (vgl. Markus 10,45) Wie traurig, wie schade wäre es, wenn Martha einmal an diesen Tag zurückdenkt und sagen muss: „Jesus war in meinem Haus und ich habe Gemüse geputzt!“

Wäre Martha nicht jetzt zu ihm gekommen, vielleicht hätte Jesus sie später zu sich geholt und gesagt: „Marta, ich möchte mit dir Zeit haben. Wie geht es dir? Was kann ich für dich tun? Hast du verstanden, was mir in dieser Welt so am Herzen liegt?“ Jetzt sagt er zu ihr: „Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Eins ist wichtig. Eins ist notwendig. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll ihr niemand nehmen.“ – „Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, und nimmt Schaden an seiner Seele?“ sagt Jesus an anderer Stelle. (Mat 16,26)

Was waren das wohl für Worte, die auch Martha unbedingt hätte hören sollen? Was hat Jesus wohl gesagt zu denen hier im Hause Marthas, die sich Zeit für ihn genommen haben? Vielleicht hat er ein Wort von Jesaja zitiert: „So spricht der Herr: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jes 43,1) Maria hat diese Worte in ihre Seele fallen lassen.

Oder dieses Wort: „Berge können weichen, Hügel können hinfallen, aber meine Gnade wird nie von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“ Vielleicht hört Maria auch, wie Jesus sagt: „Seht die Vögel unter dem Himmel: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?“ (Mat 6,26) Maria saugt solche Worte auf. Sie fangen an in ihr zu leben, sie freizumachen.

Oder Jesus hat seine Jünger wieder daran erinnert: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch er-quicken.“ (Mat 11,28) Es geht nicht darum, mehr oder etwas anderes zu tun, es geht darum, Jesus an sich etwas tun zu lassen.

Maria hat das gute Teil erwählt, sagt Jesus. Wir haben auch die Wahl. Stell dir vor, Jesus ist bei dir zuhause; und er ist ja bei dir zuhause! Stell dir vor, Jesus ist bei dir zuhause, und du bleibst in der Küche und machst dir Sorgen. Du sitzt am Schreibtisch und bist fleißig. Jesus brennt für dich und du brennst aus. Wer keine Zeit mit Jesus hat, der zieht sich selbst die Wurzel heraus.

Maria war nicht allein mit Jesus. Es muss nicht immer die stille Zeit allein mit ihm sein, aber wenn nicht allein dann zu zweit oder in Gottesdiensten, einem Bibel-, Haus- oder Gebetskreis, an einem Ort, an dem es wirklich um Jesus und mich geht, wo ich zu seinen Füßen sitzen kann.

Auf Grabsteinen findet man die Aufschrift: „Arbeit war sein ganzes Leben!“ Der Evangelist Wilhelm Busch hat dazu gesagt: „Arbeit war sein ganzes Leben. Das ist eine Grabinschrift für ein Pferd, aber nicht für einen Menschen!“ Und schon gar nicht für einen Christen! Für jeden Christen wäre es schön, wenn auf seinem Grabstein stände: „Christus war und Christus ist sein ganzes Leben.“

Amen

 

Profitiert habe ich von der Predigt in der Baptistenkirche, Berlin-Wedding (www.ekd.de) sowie von Andreas Schüle www.thomaskirche.org.

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