Lukas 11, 5-13 Der gebetene Freund

Norbert Giebel, 12.06.2022

Heute ist Sonntag Rogate. Das heißt „betet“ übersetzt. „Lehre uns beten!“ Das ist die Überschrift in Lukas 11. Die Jünger kamen mit dieser Bitte zu Jesus: „Lehre uns beten!“ Jesus lehrt daraufhin sie das Vaterunser. Dem Vaterunser folgen dann im Lukasevangelium drei Ausrufezeichen, drei Ergänzungen, drei weitere Lektionen auf die Frage, wie wir beten sollen.

Ich lese Lukas 11, 5-13:

5 Und er sprach zu ihnen:  Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: „Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.“ Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.
9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
11 Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange?  Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

„Wie sollen wir beten?“ (Vers 1)

  • Jesus lehrt seine Jünger das Vaterunser. (V 2-4)
  • Dann folgt das Gleichnis vom bittenden Freund. (V 5-8)
  • Dann die Zusage, dass Gott Gebete erhört. „Bittet, so wird euch gegeben“. (V 9-10)
  • abschließend das Gleichnis vom Vater und dem bittenden Kind, verbunden mit der Zusage, dass Gott jedem den Heiligen Geist gibt, das ihn darum bittet. (V 11-13)

Die beiden Gleichnisse sind Parabeln. Parabeln sind Beispielgeschichten, Situationen des Alltags, die jedem passieren könnten, die jede und jeder nachvollziehen kann, in denen etwas von Gott deutlich gemacht wird. Bei beiden Parabeln spielen die  Beziehungen eine Rolle. Zuerst wird Gott mit einem guten Freund verglichen, dann mit dem eigenen Vater. Wer betet steht in einer Beziehung zu Gott. Sie oder er lebt diese Beziehung und betet: „Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe!“ Und dann kommen die Bitten.

Im ersten Gleichnis geht es um Fürbitte, also darum, dass wir zu Jesus gehen und für einen anderen oder eine andere beten. Im zweiten Gleichnis von dem Kind, das Hunger hat, geht es um die Bitte, um unser Gebet für das, was wir zum Leben brauchen. Ich möchte besonders auf das erste Gleichnis eingehen:

Ein Freund oder eine Freundin  ruft dich an oder schreibt dir eine WhatsApp oder hat dir auf Band gesprochen: „Ich brauche dich. Dringend.  Ich bin in Not. Ich brauche deine Hilfe!“ Was würdest du tun? Sicher würdest Du versuchen, sie oder ihn schnell zu erreichen und zu helfen. Das ist eine Parabel. Ein Beispiel. Jeder kann es nachvollziehen. Und du sollst daran lernen: Gott ist dein Freund. Er ist viel mehr als ein guter Freund! Wenn du schon helfen würdest, um wie viel mehr wird er für dich da sein.

Der Freund im Gleichnis Jesu, der mitten in der Nacht vor der Tür steht, er hat wirklich ein Problem. Gastfreundschaft ist Ehrensache. Mitten in der Nacht kommt ein anderer Freund zu ihm, nach langer Reise, hungrig, ausgezehrt, durstig. Er konnte sich nicht vorher ankündigen. Wie auch? Er konnte sich nicht anmelden, nicht anrufen oder eine WhatsApp schreiben: „Komme um Mitternacht, bin völlig ausgehungert.“ Er steht plötzlich da und er braucht etwas zum Essen. Der andere aber hat wirklich nichts da. Er kann nicht helfen. Gastfreundschaft ist Ehrensache und jetzt ist sein Freund da, dem er nichts zu geben hat. Was tut er?

Er geht zu seinem Freund in der Nachbarschaft, der ganz in der Nähe wohnt, der um die Ecke wohnt, und bittet ihn um Hilfe. „Bitte leih mir drei Brote!“ So dürfen wir beten. So sollen wir beten. Mit der Not des anderen zu Gott gehen. Bei Gott laut anklopfen.

Die meisten Häuser, normale Häuser waren  einstöckig und  bestanden aus einem Zimmer.  Mann, Frau und Kinder lagen schlafend nebeneinander. Es ist schon unverschämt, dort zu klopfen. Der Mann klopft nicht nur einmal. Er klopft immer wieder. Noch einmal und noch einmal. „Mach mir keine Unruhe!“ flüstert der Mann von Innen. „Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett“ erzählt Jesus. „Ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.“ Mit anderen Worten: „Geht’s noch? Du machst hier alle wach mit deiner Not!“

Aber der Mann klopft weiter. Noch einmal und noch einmal. Anhaltend. Er lässt nicht locker. Die Not seines Freundes, der lange gereist ist, der wirklich Hunger hat, seine Not ist zu groß. Er kann nicht aufhören. Und Jesus erzählt: „Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, (und zwar) so viel er braucht.“ So dürfen wir beten. So sollen wir beten, sagt Jesus damit. Unverschämt, anhaltend, dringend, für einen Freund, der Hunger hat.

Kein Mensch aus dem Orient würde einen Freund, der mitten in der Nacht, wenn es dunkel ist, nach langer Reise bei ihm ankommt, hungrig ins Bett schicken. Darum erzählt Jesus diese Parabel. Und kein Mensch aus dem Orient würde einen Freund, der anklopft und ihn mit dieser Not mitten in der Nacht aus dem Bett holt, ohne Brot wegschicken. Darum erzählt Jesus diese Geschichte, das leuchtet jedem sofort ein: Selbst wenn es ihn ärgert, der Freund würde aufstehen und seinem fürbittenden Freund geben, was er braucht. Gott aber ist noch viel mehr. Er schläft nicht. Er ärgert sich nicht. Der hört das leiseste Klopfen. Seine Tür ist immer offen. Er ist immer wach für uns. – Darum betet für eure Freunde, die in Not sind. Rogate!

Auch wir kommen in Kontakt mit Menschen, denen wir nicht helfen können. Was tun wir, wenn jemand zu uns kommt  mit einer Not, die uns überfordert? Wenn unsere Vorräte auch leer sind! Wenn jemand hungrig kommt, mitten in seiner Nacht, und wir haben nichts, was wir ihm geben können. Wir verstehen sie oder ihn nicht einmal. Vielleicht kommt er mit  einer Gebundenheit,  einer Sucht, einer ernsten Diagnose,  schlimmem Streit in der Familie, einer psychischen Krankheit, er leidet darunter, und du kannst nicht helfen, du hast keine Lösung, es fehlt dir an Weisheit. – Was können wir tun? Was sollen wir dann tun? Wer glaubt, der betet. Wer glaubt, geht zu Jesus und klopft bei ihm an. Wer glaubt, betet anhaltend. Die Not des anderen ist einfach zu groß. Wer liebt, der betet anhaltend. Wer weiß, dass seine eigene Weisheit nicht ausreicht, der betet. Der erwartet das Brot seines Nächsten von Gott.

„Vater unser im Himmel, du bist gut. Jesus, dir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. Du bist Gott und ich bin nur ein Mensch. Deshalb komme ich zu dir und klingle Sturm: Du siehst meinen Bekannten, meinen Freund, meinen Verwandten, meinen Kollegen, meinen Nachbarn, meinen Bruder, meine Schwester im Glauben: Sie brauchen Hilfe. Ich kann ihnen nicht helfen, aber du schon. Herr, erbarme dich. Ich kann sie nicht heilen, aber du, Gott, schon. Herr segne ihn oder segne sie. Ich kann sie nicht zum Glauben führen, aber du, Gott, schon. Ich lege sie an dein Herz.“ (Michael Schaan)

Jesus hat nie eine Fürbitte ignoriert! Die Evangelien sind voll von Beispielen: Petrus erzählte ihm von seiner kranken Schwiegermutter. Ein römische Hauptmann bittet für seinen kranken Diener. Der Synagogenvorstehen Jairus hatte eine kranke Tochter. Einem Brautpaar in Kana ging auf der Hochzeitsfeier der Wein aus. Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang hörte Jesus eine Bitte nach der anderen. Und er hat geholfen.

Das einzige, was Jesus aufregte, war das mangelnde Vertrauen seiner Jünger. Ein Vater brachte den Jüngern seinen Sohn, der von Dämonen besessen war. Sie versuchten, dem Jungen zu helfen, hatten aber keinen Erfolg. Und sie haben den notleidenden Vater und seinen Sohn nicht zu Jesus gebracht. Als Jesus davon hörte sagte er seinen Jüngern: „Was seid ihr für verkehrte Leute. Warum vertraut ihr Gott nicht? Wie lange muss ich noch bei euch sein und euch ertragen? Bringt das Kind zu mir!“ (Matthäus 17,17).

Jesus nennt es Unglaube, dass die Jünger versucht haben zu helfen, mit allen ihren Erfahrungen und ihrer Weisheit, dass sie das Kind aber nicht zu Jesus gebracht haben. Sie haben nicht gebetet. Sie haben von Gott nichts erwartet. Sie sind in ihren menschlichen Versuchen stecken geblieben. Sie müssen gemerkt haben, dass ihre Versuche fehlschlagen, und sind trotzdem nicht mit dieser Not zu Jesus gegangen. Sie haben Gott nicht vertraut, sagt Jesus.

Glaube heißt, mit Gottes Handeln zu rechnen. Beten heißt, mit Gottes Handeln zu rechnen.

Ein sehr starkes Beispiel der Fürbitte finden wir bei Mose. Mose kommt von Berg Sinai zurück zu Gottes Volk und sie haben ein goldenes Kalb gegossen, ein Bild von Gott, dass sie nun anbeten. Gott ist kurz davor, das Volk Israel auszulöschen. Wie wunderbar hat er sie geführt;  jetzt tanzen sie um einen toten Götzen herum. Gott sagte zu Mose: „Ich kenne dieses Volk genau und ich weiß, wie stur es ist. Versuche mich jetzt nicht aufzuhalten, denn ich will meinem Zorn freien Lauf lassen und sie vernichten! An ihrer Stelle werde ich   deine Nachkommen zu einem großen Volk machen“ (2. Mose 32, 9-10).

Gott hat das Gericht beschlossen. Dass Volk ist nicht mehr zu retten. Gott hat Mose mitgeteilt, was er tun wird. Mose aber betet. Mose betet für das Volk, das abgefallen ist,  das er auch nicht versteht. Mose fleht Gott an. Wie der Freund, der klopft und klopft und bittet und bittet obwohl der Freund im Haus gesagt hat, „ich werde dir nicht helfen“. Mose betet: „Herr, mein Gott, du hast dein Volk aus Ägypten befreit und dabei deine ganze Macht gezeigt! Warum willst du es jetzt im Zorn vernichten? Sollen die Ägypter etwa sagen: Der Herr hat die Israeliten nur aus unserem Land geholt, um sie in den Bergen zu töten und vom Erdboden verschwinden zu lassen!‘? Sei nicht länger zornig über dein Volk! Lass das Unheil nicht über sie hereinbrechen!“  (2. Mose 32,11- 12).

Mose betet leidenschaftlich für das schuldig gewordene Volk. Er verurteilt sie nicht. Er gibt sie nicht auf. Er nimmt das Angebot Gottes nicht an, dass er und seine Nachkommen anstelle des Volkes gesegnet werden sollen. „Da lenkte der Herr ein und ließ das angedrohte Unheil nicht über sie hereinbrechen“ lesen wie 2. Mose 32. (Vers 14).

Was haben wir für einen Einfluss, wenn wir beten! Was hat unsere Fürbitte für eine Kraft! Wie kann unser Gebet unseren Lebensraum verändern, in der Schule vielleicht, in der Familie, in der Firma.

Heute ist Sonntag Rogate, das heißt übersetzt „betet“. Das ist eine Aufforderung Gottes an uns. Betet! Wie sollen wir denn beten? „Vater unser im Himmel“ sollen wir sagen. Und beten wie ein Freund, der für einen Freund  betet. Und nach dem zweiten Gleichnis dürfen wir so vertrauensvoll beten, wie ein Kind, das zu seinem Vater geht, weil es Hunger hat:

„Haben wir Brot?“ „Na klar haben wir Brot. Ich gebe es dir. Du sollst doch heute nicht hungern!“ „Haben wir noch Fisch? Darf ich einen haben?“ „Na klar haben wir noch Fisch. Mein Vorrat wird nie zu Ende gehen. Hier hast du einen Fisch, lass ihn die schmecken!“ „Darf ich auch ein Ei haben?“ „Mein Kind, du darfst alles haben, was ich habe. Hier nimm dir das Schönste!“

Welcher Vater würde seinem Kind einen Skorpion geben, der ihn beißt, der das Leben kaputt macht, wenn das Kind ihn um ein Ei bittet? Welcher Vater würde seinem Kind eine Schlange geben, wenn es ihn um einen Fisch bittet? Das sind Parabeln. Beispiele. Jeder kann sich diese Situation vorstellen: Kinder haben Hunger. Kinder brauchen jeden Tag etwas zum Essen von ihren Eltern. Welcher Vater würde seinem Kind, das ihn bittet, Böses geben? Wie viel mehr wird Gott es nicht tun. Wie viel mehr dürft ihr jeden Tag zu Gott gehen und er versorgt euch. Bittet ihn um seinen Geist für jeden Tag. Er wird ihn euch geben.

Wie sollen wir beten? (1) Das Vaterunser lehrt uns: Es geht zuerst um Gottes Reich. Es geht zuerst um Gottes Willen. Es geht zuerst um seine Ehre. Dann kommen unsere Bitten. (2) Dann lernen wir, dass wir für andere beten sollen. (3) Das abschließende Gleichnis zeigt uns das große Vertrauen, mit dem wir jeden Tag zu Gott gehen können und wir lernen, dass Gott uns Gutes gibt, das, was das Leben fördert. Gott gibt seinen Kindern keine Schlangen.

(4) Mittendrin die Zusage, dass Gott unsere Gebete erhört. Wer betet, der wird es erleben:

Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan. Wer bittet, der empfängt; und wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird aufgetan.

Amen

Hinweis: Für diese Predigt habe ich sehr profitiert von der Predigt von Michael Schaan vom 9.10.2016, www.eki-oeschelbronn.de

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