Markus 1, 40-45 Jesus berührt unsere Wunden

Wer sich selbst nicht annehmen kann, kann andere nicht annehmen. Wer sich selbst nicht lieben kann, wird andere nicht lieben können. Umgekehrt stimmt das auch. Wer nicht erlebt, dass er von anderen angenommen, geliebt, geachtet wird, der kann am Ende sich selbst nicht mehr lieben. Sie oder er zieht sich zurück, vermeidet Kontakte.

Es gibt wohl keinen Menschen, der in seinem Leben nie verwundet wird. In der Kindheit, durch andere Menschen, durch Schicksalsschläge. Niemand ist innerlich nur heil. Es kann sein, dass inneren Wunden verborgen bleiben, auch keine großen Auswirkungen in unserem Leben haben. Vielleicht tun sie nur ab und zu einmal weh. Andere aber sind durch ihre inneren Wunden sehr beeinträchtigt. Sie hinken seelisch. Sie sind  gestört in ihrem Umgang mit sich selbst und mit anderen Menschen. Es behindert sie, was sie einmal erlebt haben.

Ich erinnere mich an eine Frau aus meiner Berliner Zeit. Sie hat Schweres durchgemacht.  Zum Teil steckte sie noch mittendrin. Sie zog sich zurück, hatte kein Selbstvertrauen, schämte sich. Wir haben uns zwei oder drei Mal getroffen und sie sagte immer: „Ich schaffe es nicht, mich abzulenken. Es holt mich immer wieder ein.  Ständig denke ich daran.  Ich schaffe es nicht, mich abzulenken.“ Ihr Mittel ihre Wunden zu bearbeiten war, sie zu verdrängen. Das funktioniert nicht. Sie musste sich ihrem Schmerz stellen. Darüber reden. Erst eine Therapie half ihr aus dem Teufelskreis herauszukommen, sich immer nur um ihre Wunden zu drehen.

Wir müssen nicht so Schweres erlebt haben wie sie, aber solange Menschen ihre Wunden verdrängen, sie nicht wahrhaben wollen, werden sie von ihnen verfolgt. Unverheilte Wunden, die nicht angeschaut werden, bringen Verwundete oft dazu, mit anderen wund umzugehen. Verwundete sind verletzlich. Sie meinen ständig, sich schützen zu müssen. Sie verletzen andere, weil sie mit sich selbst nicht rein sind.

Eine andere Frau aus Berlin, die an einem Kurs in unserer Gemeinde teilnahm, hat sich monatelang nicht aus ihrem Haus gewagt. Sie hat sich ihr eigenes Ghetto gebaut. Ihr eigenes kleines Gefängnis. Sie hat sich von allem und allen zurückgezogen, war zu keinem normalen  fröhlichen Kontakt mehr in der Lage. In diesem Punkt war sie wie eine Aussätzige.

Ich lese Markus 1, 40-45. Jesus heilt einen Aussätzigen. Aussatz war und ist eine furchtbare Krankheit. Ebenso schlimm aber waren damals die sozialen und seelischen Folgen, die diese Krankheit mit sich brachte.

Einmal kam ein Aussätziger zu Jesus, warf sich vor ihm auf die Knie und flehte ihn an: »Wenn du willst, kannst du mich rein machen!« Von tiefem Mitleid ergriffen, streckte Jesus die Hand aus und berührte ihn. »Ich will es«, sagte er, »sei rein!« Im selben Augenblick verschwand der Aussatz, und der Mann war geheilt. Jesus schickte ihn daraufhin sofort weg. Mit aller Entschiedenheit ermahnte er ihn: »Hüte dich, mit jemand darüber zu sprechen! Geh stattdessen zum Priester, zeig dich ihm und bring für deine Reinigung das Opfer dar, das Mose vorgeschrieben hat. Das soll ein Zeichen für sie sein.« Der Mann ging weg, doch er fing sofort an, überall zu erzählen, wie er geheilt worden war. Bald war die Sache so bekannt, dass Jesus in keine Stadt mehr gehen konnte, ohne Aufsehen zu erregen. Er hielt sich daher außerhalb der Ortschaften in unbewohnten Gegenden auf, aber auch dort kamen die Leute von überallher zu ihm.

Von diesem Aussätzigen können wir etwas lernen. „Ein Aussätziger kam zu Jesus.“ Das klingt so normal. Als sei es alltäglich. Ist es aber nicht. Was er tut, ist mutig, sehr mutig. Er begeht einen öffentlichen Tabubruch. Aussatz war mehr als eine Krankheit damals. Aussatz bedeutete ausgesetzt zu werden, ausgeschlossen aus der Gemeinschaft. Man durfte sich nicht unter die Gesunden mischen. Wer Aussatz hatte, hatte ein doppeltes Leiden: Eine schlimme entstellende Krankheit und den totalen sozialen Ausschluss. Lebenslange Quarantäne.

Aussatz, lepros steht da auf Griechisch, das konnte alles Mögliche sein. Lepra aber auch Ekzeme am Körper, Pilzerkrankungen, Neurodermitis, Schuppenflechte. „Lepros“ war ein Sammelbegriff für Hautkrankheiten.

Wer auffällige Hautpartien hatte, rote oder dunkle Flecken, wer kein Gefühl mehr hatte in Füßen oder Händen, der musste zum Priester gehen. Der Priester stellte die Diagnose. Hielt er es für Aussatz, wurde der Kranke von der Gesellschaft ausgeschlossen. Aussätzige mussten ihre Städte, Dörfer, ihre Familien verlassen. Sie lebten in Ghettos, in Lagern außerhalb der Stadt, zusammen mit anderen Ausgestoßenen. Das war ihr Gefängnis. Waren sie unterwegs und Gesunde näherten sich ihnen, mussten sie laut „unrein, unrein“ rufen, um sie zu warnen: „Achtung, ich bin unrein! Komm mir nicht zu nahe! Sonst wirst du auch unrein!“

Aussätzige waren krank und sozial  und  religiös ausgegrenzt. Sie galten als unrein. Man durfte sie nicht berühren, keinen Kontakt mit ihnen haben, sie nicht ins Haus lassen, sonst wurde man selbst unrein und von allen Gottesdiensten ausgeschlossen.

Lepra ist eine bakterielle ansteckende Krankheit. Heute weiß man, dass eine einfache Berührung nicht ansteckt! Auch heute noch erkranken etwa 200.000 Menschen jährlich an Aussatz. Wird es früh erkannt, gibt es gute Heilungschancen. In Europa ist diese Krankheit seit dem 16. Jhdt. ausgestorben.

Der Erreger befällt zuerst die Haut und kalte Körperteile, Hände, Füße, Nase. Am Körper bilden sich immer größer werdende Knoten. Meist zuerst im Gesicht. Die Knorpelteile der Nase werden zerstört. Augenbrauen und Wimpern fallen aus. Gewebeschäden führen zu Narben und Verstümmelungen. Finger und Zehen werden taub, nicht mehr durchblutet, faulen ab.

Im Internet finden grausame Bilder von Leprakranken auch noch aus diesem Jahrhundert: Solche Menschen will man nicht sehen. Solche Menschen will man nicht an sich heranlassen.
Solche Menschen sollen unter ihres Gleichen bleiben. Angeekelt wenden sich die Menschen ab. Aussätzige stanken. Sie selbst, ihre Kleider, ihre Wunden. Würdest du so jemand in dein Haus lassen?

Ich weiß nicht, ob es solche Menschen bei uns heute noch gibt. Menschen, die wir ausstoßen, die wir nicht um uns haben wollen. Menschen, die besonders von religiösen Menschen verurteilt werden. Menschen, mit denen wir lieber nichts zu tun haben wollen. Die uns fremd sind, die uns Angst machen. Menschen, die andere abstoßend finden. Bei denen man die Straßenseite wechselt. Welche Menschen hätten bei uns keine Chance?!?

In einer Fernsehreportage ging es um die Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen. Menschen, die nicht richtig reden oder sich nicht gesund bewegen können. Unter anderem wurde berichtet, dass Reisegäste einen Teil ihres Geldes zurück verlangen, weil in ihrem Frühstücksraum auch eine Gruppe Behinderter gesessen hat. Menschen mit Handicaps nerven. Mit denen essen wir nicht zusammen! Gibt es denn keine eigenen Hotels für Behinderte, damit sie unter sich bleiben? Behinderte gehören in ein Behindertenheim.

Ein anderes Beispiel, für uns nicht so alltäglich: Michael Geymeyer und seine Frau Sabine leiten die Heilsarmee in Kassel. Michael hat Kontakte zu Menschen, die sich geschlechtsumwandeln lassen. Er erzählt, wie viel Elend oft dahintersteht. Meist junge Menschen, die psychische Probleme haben. Sie wissen nicht, wer sie sind. Sie haben Identitätsprobleme. Sie werden von einer Frau zum Mann oder umgekehrt, weil sie es für die Lösung halten. Und viele, so Michael Geymeyer, haben danach noch dieselben Probleme. Und viele andere wollen mit solchen Menschen nichts zu tun haben. Dürften solche Menschen zu uns kommen?

Etwa jedes 500te Neugeborene hat Geschlechtsmerkmale von Frau und Mann. Bis in die 80er Jahre war es üblich, die Säuglinge zu  operieren. Ärzte und Eltern haben entschieden, ob es ein Junge oder Mädchen sein soll. Nicht selten haben solche Umoperierten ihr Leben lang Identitätsprobleme. – Es ist das eine, sich diesen Fragen ethisch zu stellen. Es ist das andere, Menschen zu begegnen, die davon betroffen sind, die oft eine lange Leidensgeschichte hinter sich haben. Was sind das für Menschen, die uns nerven oder ekeln oder überfordern?  Mit denen wir nichts zu tun haben wollen. Die draußen bleiben sollen?

Lepra ist heute heilbar, der Aussätzige aber, der zu Jesus kam, war ein Ausgesetzter, ein schrecklich isolierter Mensch. Aber er geht zu Jesus! Er überwindet sich! Er hat sich nicht aufgegeben! Er tut etwas für sich! Er nimmt seine Beine in die Hand. Er trifft eine mutige Entscheidung! Das wird ein Spießrutenlauf werden. Seine Not, sein ganzes Elend werden alle sehen. Das ist mutig. Er würde offen eingestehen: „Ich kann nicht mehr! Ich brauche Hilfe! Ich bin am Ende!“

Wie viele mit anderen Nöten schieben solche Schritte vor sich her und machen sich nicht auf den Weg. Sie bleiben in ihrem Ghetto. Sie machen ihre Not mit sich selbst im Dunkeln aus. Sie vertrauen sich niemandem an. Vielleicht beten sie. Sie erwarten alles von Jesus. Aber auch für Christen ist es gut, die Hilfe anderer Menschen in Anspruch zu nehmen. Zum Arzt zu gehen. Eine Therapie zu suchen. In eine Selbsthilfegruppe zu gehen. Und dann weiter zu beten: „Herr, hilf mir durch diese Menschen. Letztlich bin ich mutig und komme zu dir. Ich zeige meine wunde Seele, damit du mir helfen kannst.“

Wenn wir Zahnschmerzen haben, beten wir nicht nur, sondern gehen zum Zahnarzt. Auch wenn wir Suchtprobleme haben, Probleme in der Familie, depressiv werden, Ängste oder Zwänge entwickeln, gibt es Hilfe. – Vielleicht hat Jesus dir schon lange gezeigt, wo du hingehen sollst, weil er, Jesus, dir helfen will. Aber du findest den Mut nicht, zu zeigen, dass du Hilfe brauchst.

Viele kennen Kurt Krömer aus dem Fernsehen von seiner Talkshow Chez Krömer. Oft war er jetzt in anderen Talkshows zu sehen, weil er seine Depression und Alkoholsucht öffentlich gemacht hat. Er hat ein Buch geschrieben: „Du darfst nicht alles glauben, was du denkst: Meine Depression“.  Auf dem Buchdeckel ist er zu sehen mit nackten Schultern.  Man macht sich ein Stück nackt, wenn man zu seiner Schwäche steht und Hilfe sucht. Das ist nicht schön, aber es ist mutig und es ist richtig.

Der Aussätzige in Markus 1 geht zu Jesus! Obwohl die Hürden für ihn viel höher waren als für uns, wenn wir heute Hilfe suchen. Der Aussätzige tut, was ihm verboten war: Er geht auf eine Gruppe gesunder Menschen zu. Ihm ist alles egal. Was er auf jeden Fall will, ist zu Jesus zu kommen. Was er auf jeden Fall will, ist, dass Jesus ihm hilft.

„Willst du, dann kannst du mich gesund machen!“ „Dann kannst du mich rein machen“ steht da wörtlich. Wieder „rein“ zu sein, das war sein größter Wunsch. Vor Gott rein zu sein. Wieder am Leben teilhaben zu können. Nicht mehr draußen bleiben zu müssen. Wieder dazu zu gehören. Wieder als Mensch gesehen und geachtet zu werden. –           Das beinhaltet auch das körperliche Heil.  Ohne körperliche Heilung war das nicht möglich.

Und das ist erstaunlich: Dieser elende Mensch fordert die Heilung nicht. Er rechnet damit, dass Jesus alles möglich ist. Aber er sagt: „Wenn du willst, dann kannst du mich heilen!“ Es liegt an Jesu Willen! Und dem unterstellt sich dieser Kranke! – „Gott ist alles möglich!“ Ja!  Und ich glaube, dass wir ihm viel zu oft viel zu wenig zutrauen! Wir lassen nicht einmal für uns beten! Oder wir tun es erst, wenn wir alle Ärzte durchbesucht haben. „Jesus ist alles möglich!“ Aber Jesus bleibt der Herr. Er tut nicht alles, was ihm möglich ist! Sonst würden alle treuen Beter 100 Jahre alt werden und gesund sterben.

Dieser so elend Kranke hat allen Glauben, aber er lässt Jesus freie Hand. Er fällt auf die Knie. Das ist ein Zeichen der Anbetung. Er anerkennt Jesus als den Herrn. „Wenn du willst, kannst du mich rein machen!“ Von tiefem Mitleid ergriffen, streckte Jesus die Hand aus und berührte ihn.

Jesus hat Mitleid. Das griechische Wort, das Markus benutzt, hat es mit den Eingeweiden zu tun.  Das Leid dieses Menschen fährt Jesus in die Eingeweide. Er spürt es körperlich. Anselm Grün schreibt, „Jesus lässt den Kranken bei sich eintreten“. Jesus schützt sich nicht vor ihm. Und auch Jesus tut, was das Gesetz von Mose verboten hat: Er streckte seine Hand aus und berührte ihn.

Unter diesen dreckigen Tüchern, mit denen er sich zudeckte, hinter diesem Gestank, der von diesem Mann ausgeht, dahinter sieht Jesus den Menschen, der ihn braucht! Andere würden schreien, wegsehen, weglaufen, sich Augen und Nase zu halten. Jesus geht es in die Eingeweide. Er berührt ihn. Und er heilt ihn. Menschen, die Jesus berührt werden rein.

„Ich will es“, sagt Jesus, „sei rein!“ Und sofort war er rein. Geheilt. Gesund. Markus schreibt:
„Jesus schickte ihn daraufhin sofort weg. Mit aller Entschiedenheit ermahnte er ihn: »Hüte dich, mit jemand darüber zu sprechen! Geh stattdessen zum Priester, zeig dich ihm und bring für deine Reinigung das Opfer dar, das Mose vorgeschrieben hat. Das soll ein Zeichen für sie sein

Die Priester waren die Gesundheitsbehörde. Jesus hält sich an das Gesetz von Mose. Lass dich „gesundschreiben“. Hole dir den Nachweis, dass du gesund bist. Aber rede mit niemandem darüber! Jesus wollte nicht als Wunderheiler gelten. Aber die Freude des Geheilten ist zu groß. Er erzählt es allen. Jesus schadet er damit. Jetzt sehen die Menschen nur noch den großen Heiler in ihm. Jetzt wollen sie immer mehr Wunder sehen. Jesus geht es nicht nur um Heilung, sondern um das Heil. Seine Wunder sollten Zeichen auf das Heil hin sein. Jesus konnte sich in der Stadt nicht mehr sehen lassen. Vielleicht auch, weil er gegen das Gesetz verstoßen hatte, nun selbst unrein war nach Meinung der Schriftgelehrten. – Den Namen des Aussätzigen erfahren wir nicht. Er bleibt anonym. Vielleicht  weil  seine Geschichte die Geschichte von  jedem  sein kann.

Anselm Grün schreibt: „Ein Aussätziger ist ein Mensch, den andere nicht ausstehen können, und er ist ein Mensch, der sich selbst nicht ausstehen kann.“ Er fühlt sich von allen anderen ausgestoßen, abgelehnt, ausgesetzt. Sein Bild von sich selbst übernimmt er von den anderen. Er geht auf Abstand zu sich selbst. „Mich kann man nicht mögen!“ denkt er. „Ich kann mich auch nicht leiden.“

Egal, wie dein Körper aussieht. Egal wie deine Seele aussieht. Egal, ob du stinkst. Egal aus welchem Ghetto du kommst. Jesus hat keine Berührungsängste. Er berührt dich gerade dort, wo du schmutzig bist, bei dem, was du verstecken möchtest. Was ist dein Aussatz? Womit grenzt du dich aus? Was belastet dich? Was kannst du nicht mehr ertragen? Was nimmt dich gefangen?

Ich sage es einmal so:

Der Aussätzige ermutigt uns, unser Ghetto zu verlassen. Er ermutigt uns zu Jesus zu gehen. Er ermutigt uns, uns selbst nicht aufzugeben. Zu unserer Not zu stehen aber uns nicht damit abzufinden. Der Aussätzige ermutigt uns, mit ihm auf die Knie zu gehen. Ich glaube, Jesus will auch uns berühren. Menschen, die er berührt, die werden rein!

Amen.

Gebet

Herr, ich komme zu dir mit allem, was ich bei mir nicht gerne anschaue. Vor dir will ich nicht verbergen, was andere nicht sehen sollen. Sieh du, wo ich wund bin. Strecke deine Hand aus und berühre mich. Heile mich, wo ich mich aus der Gemeinschaft mit anderen ausschließe. Sag dein Jawort zu mir, damit ich zu mir ja sagen kann. Lass mich frei werden, wo ich gebunden bin. Ich kniee vor dir. Dich will ich anbeten.  Amen

Profitiert habe ich von einer Predigt unter www.gemeinde.hohenhaslach.elk-wue.de vom 8.10.2017 und von Anselm Grün, Exerzitien für den Alltag, Vier-Türme-Verlag, 20089, S. 36-41.

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