Markus 16, 1-8 das Grab ist leer

Ostern 2022

„Die Nacht ist vorbei, alle Schöpfung juble,“ haben wir gerade gesungen.

Meine Seele singe / Denn die Nacht ist vorbei
Mach dich auf und bringe / Deinem Gott Lob und Preis
Alle Schöpfung juble / Wenn der Tag nun anbricht
Gottes Töchter und Söhne / strahlen in seinem Licht.

Aber die Nacht war noch nicht vorbei am Ostermorgen. Niemandem war zum Jubeln.
Ich lese uns den Predigttext Markus 16, 1-8

1 Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, zusammen mit Salome wohlriechende Öle, um den Leichnam Jesu zu salben. 2 Sehr früh am nächsten Morgen machten sie sich auf den Weg zum Grab. Es war der erste Tag der neuen Woche, und die Sonne ging gerade auf, als sie dort ankamen.
3 Unterwegs hatten sie zueinander gesagt: »Wer wird uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?«
4 Doch als sie jetzt davor standen, sahen sie, dass der Stein – ein großer, schwerer Stein – bereits weggerollt war.
5 Sie betraten die Grabkammer und sahen dort auf der rechten Seite einen jungen Mann in einem weißen Gewand sitzen. Die Frauen erschraken; 6 er aber sagte zu ihnen: »Ihr braucht nicht zu erschrecken! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. 7 Geht nun zu seinen Jüngern und sagt zu ihnen, auch zu Petrus: ›Er geht euch nach Galiläa voraus. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch angekündigt hat.‹«
8 Zitternd vor Furcht und Entsetzen verließen die Frauen das Grab und liefen davon. Sie hatten solche Angst, dass sie niemand etwas von dem erzählten, was sie erlebt hatten.
Gute Nachricht Übersetzung

Diese Frauen hatten einen dunklen, traurigen Ostermorgen. Sie hatten alles verloren. Sie hatten nur noch Fragen. Sie waren nicht zu trösten. Sie brauchten Zeit,  alle brauchten Zeit,  um glauben zu können. Ostern ist nicht ihr Glaube auferstanden, der war zerstört. Ostern ist Jesus auferweckt worden, er hat ihnen neuen Glauben geschenkt. Auch als der Mann im Grab den Frauen verkündigt, „Er ist auferstanden!“, selbst da stellt sich keine Freude ein, keine Hoffnung, kein Glaube. Nichts kann sie aus ihrer Trauer holen.

„Zitternd vor Furcht und Entsetzen  verließen die Frauen das Grab und liefen davon!“ berichtet Markus in dem wohl ältesten Bericht vom Ostermorgen. Der Auferstandene kam für niemandem wie gerufen. Damit hat keiner gerechnet. Was Ostern passiert ist, löste tiefes Entsetzen aus.

Am Abend vorher, nach Ende des Sabbats, haben die drei Frauen wohlriechende Öle gekauft. Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome nennt Markus mit Namen. Die beiden Marias waren wohl besonders wichtig. Sie waren auch bei der Kreuzigung dabei. Vor zwei Tagen. Matthäus nennt nur diese beiden in seinem Evangelium. Lukas schreibt, dass noch weitere Frauen bei ihnen waren. Vielleicht kannte Markus Salome oder hat sie einmal gesprochen, dass er sie hier mit Namen nennt.

Vor zwei Tagen haben die beiden Marias Josef aus Arimatäa beobachtet. Schnell, noch vor Beginn des Sabbats, hatte er mit Erlaubnis der Römer Jesus vom Kreuz genommen  und in sein eigenes Grab gelegt. Die Frauen auf dem Weg zu diesem Grab waren eine Trauergruppe.

Es war üblich, dass Frauen zum gemeinsamen Trauern und Beweinen der Verstorbenen zusammenkamen. Nun wollten sie ihm noch einen letzten Liebesdienst tun. Am Sabbat konnten sie nichts tun. Nur sitzen. Schweigen. Weinen. An die Wand sehen. Vielleicht hat schon eine versucht, erste Worte zu finden. Aber der Schmerz war unsagbar für die Frauen, die Jesus mit begleitet haben.

Hätte Jesus nicht von der Herrschaft Gottes gepredigt, hätte er nicht behauptet, sie stünde kurz bevor, hätte er nicht gesagt, er sei von Gott gekommen, hätte er nicht Menschen die Sünden vergeben, als wäre er Gott! Ja das hat er  getan, Menschen die Sünden vergeben! Er hat sein Wort über die Heiligen Schriften gestellt! „Den Alten ist gesagt!“ Und dann hat er die Heiligen Schriften zitiert und ist fortgefahren: „Ich aber sage euch…“ hat er gesagt! Für wen hat er sich denn gehalten?!

Hätte er den Sündern, Zöllnern, Huren nicht so eine Hoffnung gemacht, dann wäre sein Tod nicht so eine bodenlose Katastrophe gewesen. Dann hätten sie auch geweint. Es hätte wehgetan, einen Freund zu verlieren.  Sie hätten auch geklagt, vielleicht mit denen, die um die anderen beiden weinten, die mit Jesus gekreuzigt wurden.

Dass sie dachten, er sei der Messias, der sie frei macht, der Gottes Willen durchsetzt, das machte ihre große Enttäuschung aus. In diesem Grab lag ein Freund. Aber da lag auch ihr Herr. Alle ihre Hoffnungen lagen da begraben. Darum ist ihre Nacht noch nicht vorbei. Keine der Frauen jubelt!

Routine hilft, wenn man verzweifelt ist. Auch diesen Frauen hilft es. Einfach tun, was man immer tut. Tun, was man tun muss. Das hilft. Auch der Tod hat seine Routine. Trauerriten. Grabpflege. Orte der Trauer. Friedhöfe. Am Abend vorher, nach Sonnenuntergang, als der Sabbat vorbei war, gingen sie und kauften Öle.  „Aromata“  heißen diese Kräuteröle auf Griechisch. Man brachte sie zwischen die Binden ein und verteilte sie im Grab. Der Leichengeruch sollte vertrieben werden.  Tote salben gehörte zum Alltag des Todes.

Die Frauen nutzten das erste Licht am ersten Tag, am ersten Arbeitstag der Woche. Vielleicht hatten sie Angst, dass sie so früh aufbrachen, dass sie nicht gesehen werden wollten. Vielleicht konnten sie ohnehin nicht schlafen. Die Frauen schweigen. Es gibt keine Worte für das, was sie fühlen,  „Wer wälzt uns den Stein weg?“ Das ist ihre einzige Sorge.

Die Gräber der Reicheren wie das von Josef von Arimatäa waren tief in Felsen gehauen. Ein wagenradgroßer Stein wurde vor die Öffnung gewälzt. Er sollte vor wilden Tieren schützen. Als sie ankommen, ist der Stein weg. (Matthäus schreibt,  dass der Engel ihn weggerollt habe.  Markus weiß davon noch nichts. Nur Verwunderung. Kein Wort, wie es passiert ist.)

Die Frauen bücken sich durch die niedrige Öffnung. Vorsichtig steigen sie die Stufen hinab zur Grabkammer. Wie erschrecken sie, als sie den jungen Mann im Grab sehen. Markus verwendet das Wort Engel nicht. Durch das aber, was der Mann sagt, wird klar, dass es ein Bote Gottes ist. Die Frauen aber sehen nur einen Mann, keinen Engel. Sie  selbst haben einen metergroßen Stein vor ihren Herzen, vor ihren Augen, vor ihrer Seele. „Nehmen sie uns nun auch noch unseren toten Herrn? Was soll das? Wer hat ihn aus dem Grab genommen?“

„Fürchtet euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden. Er ist nicht hier. Seht die  Stelle, wo sie ihn hingelegt haben.“ sagt der Bote Gottes. Der Engel will den Frauen die Angst nehmen. Sie sollen wieder durchatmen, den Kopf wieder heben können, ihre Tränen abwischen, den Rücken gerade machen. Sie sind die ersten Osterzeugen, die ersten Verkündigerinnen der Auferstehung! Seine Auferstehung will auch sie wieder auferstehen lassen. Immer aber noch keine Osterfreude. Sie sind noch mehr erschrocken. Fluchtartig, zitternd, verlassen sie diesen gespenstischen Ort.

Ich erinnere mich, dass ich als Jugendlicher viele Fragen rund um die Auferweckung Jesu hatte, und einmal unseren Pastor damals in Achim fragte, der mich später taufte:
Wie ist Jesus auferstanden?  Was hat er für einen Leib gehabt? Ist sein alter Körper wieder lebendig geworden oder hatte er einen neuen ganz anderen Körper? Wo war der alte Körper so schnell? Hat er sich selbst von den Leichenbinden befreit? Wo hatte er seine neuen Kleider her? Wie kann das sein, dass er erscheinen kann und dann weder weg ist? Warum haben selbst die Frauen und die anderen Jünger ihn nicht sofort erkannt?

Kein Evangelium beschreibt, wie Jesus auferweckt wurde. Niemand war dabei. Keiner hat sich dazu etwas ausgedacht. Keiner spekuliert und malt die Berichte aus, die er bekommen hat. Jeder bleibt bei dem, was er weiß. Es bleiben Fragen offen. Verstehen kann man das nicht. Das Wie bleibt ein Geheimnis.

Dass das Grab aber leer war, kann keiner bezweifeln, sagte mir der Pastor damals. Juden und Römer hätten den Leichnam zu gerne hervorgeholt, als die Jünger anfingen zu behaupten, dass dieser Jesus aus Nazareth auferstanden sei. Der berühmte Theologe Karl Barth hat gesagt: „Das leere Grab war genauso allgemein zugänglich wie die Kreuzigung.“ Kein Historiker kann die Kreuzigung und das leere Grab bezweifeln! Beides wird von Anfang an auch von den Gegnern der Christen nicht bezweifelt.

Das leere Grab allein aber weckt noch keinen Glauben! Das leere Grab ist vieldeutig, obwohl Jesus seine Auferweckung vorausgesagt hatte. Den Frauen ging es so. Wer denkt denn bei einem leeren Grab, dass der Tote auferstanden ist? Juden und Römer haben einfach behauptet, seine Jünger hätten ihn gestohlen. Erst als Jesus, der Auferstandene, Menschen erscheint, bekommen sie die sichere Antwort: Er ist auferstanden. Er ist wirklich auferstanden!

Die persönliche Begegnung mit Jesus überzeugt. Den Glauben schenkt der Auferstandene selbst. Das ist bis heute so. Argumente sind das Eine. Bis jemand spürt: Er ist da. Er hat mich berührt. Er hat zu mir gesprochen. Was die andere sagen, das stimmt; das hat Thomas erlebt, der nicht glauben konnte, als Jesus ihm noch nicht erschienen war.

Die Auferstehung eines Einzelnen lag absolut nicht im Horizont des jüdischen Glaubens. Man stritt, ob es einmal eine Auferstehung gäbe, ob man dann auch noch heiraten könne und wann das sein werde. Dass ein Einzelner aufersteht, dass einer vor allen den Anfang macht, lange vor dem Ende aller Zeiten, das hat niemand erwartet. Auch die Jünger nicht.

„Geht nun zu seinen Jüngern und sagt zu ihnen, auch zu Petrus (besonders Petrus, der mich verleugnet hat, der so tat, als kenne er mich nicht, sagt ihnen allen:) ›Er geht euch nach Galiläa voraus. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch angekündigt hat.“ hatte der Engel gesagt. Galiläa, das ist die Heimat der Frauen und der Jünger. Dahin sollen sie gehen.

Jesus ist am ersten Arbeitstag der Woche auferstanden. Der heutige Sonntag war der damalige Montag könnte man sagen. Der erste Tag der Woche. Die Christen fangen an, den ersten Tag der Woche zu heiligen, nicht mehr den Sabbat.

Geht nach Galiläa. Da stehen ihre Häuser. Da leben ihre Familien. Dort wartet die Arbeit, die Kinder, die alten Eltern. Dort kennt man sie, mit ihrer Geschichte und ihren Eigenarten. Dorthin geht ihnen der Auferstandene voraus. Dort werden ihr ihn sehen. Im Alltag. „Geht nach Galiläa.“ Das ist der Wallfahrtsort für alle Christen! Nicht das Grab Jesu! Der Wallfahrtsort für Christen ist die Welt. Da ist Jesus unterwegs. Immer schon einen Schritt voraus. Wo wir unser Leben zu bestehen haben, da ist er zu finden. Bei den Menschen, die Gott brauchen, die uns brauchen!

Was der Engel den Frauen gesagt hat, stimmt auch für uns: Der Auferstandene geht uns voraus in unsere Verhältnisse. Die Ostergeschichte geht bei uns weiter. Wir haben Jesus nicht hinter uns. Wir haben ihn vor uns!

Wie können wir heute dem Auferstandenen begegnen? Das eine ist: in der Gemeinschaft der Glaubenden bleiben! Die Jünger blieben zusammen. Sie haben zusammen getrauert, gebetet, gehofft, geweint, sie haben zusammen angefangen, Gott zu loben, ihre Erfahrungen mit Jesus haben sich potenziert, addiert, multipliziert, sie haben ihn zusammen in der Welt bekannt gemacht. Wo Menschen in seinem Namen zusammen sind, da ist er mitten unter ihnen, hat der Auferstandene ihnen zugesagt. (Matth 28 am Ende)

Wie können wir heute dem Auferstandenen begegnen? Indem wir in der Gemeinschaft der Glaubenden bleiben. Wie viele Menschen, denen Jesus einmal begegnet ist, denen er den Glauben einmal geschenkt hat, erleben seine Kraft und seinen Trost nicht mehr, weil sie aus der Gemeinschaft heraus gegangen sind. „Ein Christ allein geht ein.“ (Adolf Sommerauer)

Zwei der Jünger gehen nach Hause, in ihren Alltag, wollen ihr altes Leben in Emmaus, wo sie herkommen, wieder aufnehmen. Sie verlassen die Gemeinschaft. Jesus geht ihnen nach, spricht sie wieder an, und sie gehen zurück zu den Jüngern und ihr Glaube potenziert sich. (Lukas 24) Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Meine Seele singe / Denn die Nacht ist vorbei
Mach dich auf und bringe / Deinem Gott Lob und Preis
Alle Schöpfung juble / wenn der Tag nun anbricht
Gottes Töchter und Söhne / strahlen in seinem Licht.

Wie können wir heute dem Auferstandenen begegnen? Indem wir in der Gemeinschaft bleiben und indem wir unsere ganz persönlich Gemeinschaft mit ihm pflegen: Mit ihm sprechen, beten, nicht aufhören, ihn in unserem Alltag zu erwarten, ihn hören, ihm zuhören, die Bibel lesen, Predigten hören, und indem wir gehorchen, uns senden lassen, ihn erleben, wenn wir uns mit ihm auf den Weg machen. Geht hin in alle Welt und ich bin bei euch alle Tage! (Matth 28 am Ende)

Ein besonderes Zeichen hat Jesus seinen Jüngern noch hinterlassen, als er auferstanden war. Da machen sie sich in ihm fest. Da schenkt er sich ihnen sichtbar, erfahrbar: In der Taufe. Sie ist äußerlich. Sie ist nicht die Sache selbst. Aber sie ist das äußere Zeichen für einen inneren Prozess. Der Auferstandene hat mich angesprochen, er hat mir den Glauben geschenkt, und ich will ihm nun antworten und mich hm schenken.

Seit frühester Zeit ist Ostern ein guter Tauftermin gewesen. In der Taufe geben sich Menschen mit in den Tod Jesu hinein, sie sterben ihr eigenes Leben, schreibt Paulus einmal und sie erhalten das ewige Leben, ein neues Leben. (Römer 6)

Heute haben wir kein Wasser in unsrem Taufbecken. Aber das Becken ist dicht und Wasser gibt es genug. Vielleicht ist ja heute jemand hier, der nicht anders kann als zu sagen: Der Auferstandene hat zu mir gesprochen. Ich will mich taufen lassen. Dann lass uns zusammen eine Termin finden.

Noch am Morgen, als ihre Nacht vorbei war, dann konnten auch die drei Frauen singen:

Meine Seele singe / Denn die Nacht ist vorbei
Mach dich auf und bringe / Deinem Gott Lob und Preis
Alle Schöpfung juble / wenn der Tag nun anbricht
Gottes Töchter und Söhne / strahlen in seinem Licht.

 

Amen!

 

 

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