Markus 7, 31-37 Heilung eines Gehörlosen

Kurzer Start: Ich bewege die Lippen, nehme die Bibel, lese scheinbar etwas, spreche aber ohne Ton, man hört nichts.

Habt ihr etwas gehört? So hört sich das an, wenn man nichts hört. Heute geht es um einen Gehörlosen. Einen Mann, der nichts hören konnte, den Jesus geheilt hat. Früher sagte man taubstumm dazu. „Heilung eines Taubstummen“ steht als Überschrift in manchen Bibeln. Das sagt man schon lange nicht mehr. Zumal „Taubstumme“ früher oft als Dumme angesehen wurden. Ungebildet. Nicht in der Lage, sich auszudrücken. Unverständliche Worte stammelnd und mit den Händen wedelnd. Immer lächelnd, um irgendwie bei den Menschen gut anzukommen. In dem Wort  taubstumm  kann für Betroffene das alles noch mitschwingen. Gehörlose sagt man zu Menschen, die nicht hören können. Es geht also um die „Heilung eines Gehörlosen“. Die Ursachen, Diagnosen und Schweregrade sind unterschiedlich.

Und Gehörlose sind alles andere als stumm. Die Gebärdensprache ist als  eigene Sprache anerkannt. Und Gehörlose haben sich und anderen genau so viel zu sagen, wie andere Menschen. Gehörlose verständigen sich auch lautsprachlich, wenn auch nicht so klar und melodisch wie jemand, der hören kann.  Anders eben. Aber sie sind nicht stumm. Sie haben eine Einschränkung, aber sie sind nie einfach taube Menschen. Sie sind wie wir alle immer viel mehr als unsere Einschränkungen, die wir haben.

Auf einen solchen Menschen also trifft Jesus gleich in dem Text, den ich lese. Ich möchte aber anfangen, wie Markus seinen Bericht angefangen hat. Ich lese Markus 7 Vers 31:

31 Jesus verließ die Gegend von Tyrus wieder und ging über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Zehnstädtegebiet.

Jesus befindet sich auf Heidenland.  Das ist Markus wichtig. Jesus kam von Tyrus in Syrien und ging über Sidon zum See Genezareth in das Gebiet der Zehn Städte. Östlich des Jordan. Alexander der Große und seine Nachfolger (die Seleukiden) hatten diese Städte als typisch griechische Städte aufgebaut.

Jesus  hält sich eine Zeit lang  bewusst in  nichtjüdischen Gebieten auf. In Tyrus, Sidon und jetzt in der Deka Polis, dem Zehnstädtegebiet. Er ist zuerst zu den Juden gesandt, aber er beginnt schon hier sich auch als der Heiden Heiland zu zeigen. Er ist nicht nur der Messias der Juden. Für uns nur eine Randnotiz, für die ersten Leser des Markusevangeliums war das ein  Zeichen: Jesus geht über alle Grenzen hinaus! Jesus geht zu den Menschen, zu denen sonst kein Frommer gegangen ist. Und er lässt sich von ihnen bitten. Er hilft ihnen. Er heilt einen von ihnen.

32 Dort wurde ein Mann zu ihm gebracht, der taub war und kaum reden konnte; man bat Jesus, ihm die Hand aufzulegen.

Er konnte nichts hören und „hatte eine schwere Zunge“ heißt es wörtlich übersetzt. Eine Gebärdensprache gab es noch nicht. Auch keine Förderung von Gehörlosen. Ein Mensch, der sich nie ganz verständigen konnte, mit niemandem offen reden,  ein einsamer Mensch. Auch heiraten durften Gehörlose damals nicht, weil man es für vererbbar hielt.

Jesus war schon einmal in diesem Gebiet gewesen. Auch da hatte er jemanden geheilt. Das haben die Leute noch gewusst. Und nun bringen sie diesen Mann zu ihm. Ich erinnere noch einmal daran: Sie waren keine Juden. Aber sie wussten, dass Jesus heilen kann. Es war ihre Liebe, ihre Barmherzigkeit,  vielleicht auch ein guter Schuss Neugier dabei, dass sie den Mann gebracht haben. Auch von der Liebe der Heiden kann man immer wieder lernen!

Als Gehörloser hat der Mann noch nichts von Jesus gehört. Aber er lässt sich bringen. Wie Jesus sich jetzt verhalten hat, das möchte ich sehr  genau ansehen. Jede Heilung hat ihre besonderen Akzente. So auch diese.

33 Jesus führte ihn beiseite, weg von der Menge. Er legte seine Finger in die Ohren des Mannes, berührte dann dessen Zunge mit Speichel, 34 blickte zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Mann: »Effatá!« (Das bedeutet: Öffne dich!)

Jesus nimmt den Mann beiseite, weg von der Menge.

Weg von den anderen. Er nimmt ihn von der Bühne. Alle wollen sehen, was Jesus jetzt tut.   Alle wollen hören, was er sagt. Auch Helfer sind neugierig, natürlich. Jesus schützt den Mann vor Neugier und Sensationslust. Er macht keine Show aus der Heilung. Er führt ihn nicht vor. Der Mann soll alleine vor Jesus stehen. Seine Zeit mit ihm haben. Es geht immer um den ganzen Menschen und um seine eigene Begegnung mit Jesus. Es geht nie nur um die eine körperliche Einschränkung. Heilungen auf einer Bühne dürfen durchaus kritisch befragt werden.

Jetzt steht nur er allein vor Jesus. Dieser Moment ist wichtig. Und er ist mitgegangen. Er wollte das auch. Bis hierher wurde er gebracht. Jetzt geht er selber mit. Er sieht Jesus an. Er lässt sich von Jesus ansehen. Sehen kann er gut. Gesicht zu Gesicht. Auge in Auge. Sie reden schon mit ihren Blicken.

Ich stelle mir vor, dass Jesus so auch jeden, jede von uns  beiseite nehmen will! Unsere ganz eigene Begegnung mit ihm. Unsere Zeit mit ihm. Es gibt ein  Seelsorgegeheimnis. Manches geht nur Jesus und mich etwas an. Und wenn jemand anderes dabei ist, dann muss sie oder er es für sich behalten. Schweigen. Dann berührt Jesus ihn:

Er führt seine Finger in die Ohren des Mannes und berührt seine Zunge mit Speichel.

Von einer Auflegung der Hände wird nichts gesagt. Das hatten sie erwartet, die den Mann gebracht hatten. So geht Heilung immer, dachten sie. Jesus sieht den Mann an und berührt die Punkte, wo es weh tut, wo die Ursachen seiner Schmerzen liegen. Er berührt seine wunden Punkte. Auch da stelle ich mir vor, dass er es mit jeder und jedem von uns tut, wenn wir zu ihm kommen. Jesus stößt ihm seine Finger in die Ohren. So müsste man es übersetzen. Das von Markus verwendete Wort drückt Kraft aus. Der Taube sollte ihn fühlen. Vielleicht auch etwas von der Entschiedenheit von Jesus.

Dann berührt er dessen  Zunge mit Speichel. Speichel wurde allgemein eine heilende Wirkung zugesprochen. Hunde lecken ihre Wunden. Andere Tiere auch. Speichel, habe ich jetzt gelesen, Speichel sei der „Pflaster des Bauern“.  Wenn er sich auf dem Feld einen Kratzer holt, sich verletzt, eine Bremse ihn stickt, dann legt er Speichel auf die Wunde. Das lindert.

Warum macht Jesus das alles? Den Kranken so berühren? Bei anderen Heilungen reicht ein einziger Satz. Oder eben wirklich eine Handauflegung. Vielleicht sind das alles Handlungen, die man sich bei einem Arzt vorstellen könnte. Wie eine medizinische Behandlung.

Oder Jesus spricht die Sprache, die der Gehörlose versteht. Berührungen. Mimik. Gestik. „Ich habe gesehen, was dein Kummer ist.  Ich weiß um deine Not.  Du brauchst nichts zu verstecken. Ich helfe dir jetzt.“ Jesus tut Sichtbares, Fühlbares, er spricht die Sprache des anderen. Auch Unangenehmes allerdings:

Den Speichel eines anderen aber hat man nicht gerne an der eigenen Haut. Denkt nur an eine Mutter, die ins Taschentuch spuckt, um ihrem Kind einen Fleck aus dem Gesicht oder über den Mund zu wischen. Das berührt eine Grenze. Das mag man eigentlich nicht. Das ist unangenehm. Mit einem Kind kann man das machen. Ein Erwachsener muss das bewusst zulassen. Der Gehörlose ist ein Erwachsener. Er lässt es zu. Angenehm wird es auch für ihn nicht gewesen sein.

Bleibt noch der Hinweis, dass der Mann kein Jude war. Ein Jude wie Jesus einer war, darf einen Heiden nicht berühren. Er macht sich unrein damit. Jesus hat keine Angst davor. Er geht unreinen Menschen nicht aus dem Weg. Er macht sie dadurch rein, dass er sei berührt. Auch denke ich an uns alle. Der Heilige will uns berühren und er macht uns dadurch rein. Er hat keine Angst uns zu berühren und wir brauchen keine Angst vor ihm zu haben.  Wir werden rein, wenn Jesus uns berührt und wir brauchen nichts zu verstecken. Er sieht und berührt liebevoll unsere wunden Punkte.

Dann blickt Jesus in den Himmel und seufzt.

Jetzt sieht der Gehörlose von wem Jesus seine Kraft hat, in wessen Namen er geheilt werden soll. Sagen kann Jesus es ihm noch nicht. Aber sehen lassen kann er es ihm. Nicht jedes Gebet muss laut gesprochen werden. Ein Blick kann das stärkste Gebet beinhalten. Viele Christen salben Kranke, wenn sie für sie um Heilung beten. Das ist auch so ein Zeichen.  Es kommt nichts auf das Öl an. Aber da betet vielleicht jemand für ein kaputtes Knie, taucht seinen Finger ins Öl und macht ein Kreuz auf dem Knie oder auf der Stirn des Kranken. Das ist auch so ein Blick in den Himmel.  Die oder der Kranke soll sehen, von wem wir die Kraft erwarten, in wessen Namen wir um Heilung beten.

Jesus seufzt. Auch das wird der Mann gesehen haben. Jesus leidet mit. Er macht sich eins mit dem Kranken. Er steht nicht unbeteiligt neben ihm. Es ist, als ob er selbst gehörlos wäre. Er ist ganz der andere. Identifiziert sich mit ihm. Er taucht ein in das Leben des anderen. Sein Leid wird auch sein Leid. Von Jesus können wir beten lernen und mit dem anderen seufzen.

Dann sagt Jesus: „Hefata!“

Das ist Aramäisch. Markus übersetzt es für seine Griechischen Leser und für uns. „Hefata!“ heißt: „Tu dich auf!“ das ist ein Imperativ. Eine Aufforderung. „Hefata!“. „Tu dich auf! Öffne dich!“ Das ist das allererste Wort, das dieser Mensch in seinem Leben hört! „Öffne dich!“ Wieder denke ich auch an uns. „Öffne dich!“ sagt Jesus, wenn wir bei ihm sind. Öffne deine Ohren. Öffne deinen Mund. Öffne deine Hände, dein Herz, dein Leben. Du stehst vor Jesus. Er hat dich angesprochen. Er fordert dich auf. Er macht es möglich. Jetzt tu es. Öffne dich.

35 Im selben Augenblick öffneten sich seine Ohren, seine Zunge war gelöst, und er konnte normal reden.

Im Griechischen steht, er konnte „richtig“ reden. Verständlich. Für unsere Ohren normal. … Eine neue Welt hat sich für ihn aufgetan. Sofort taten sich seine Ohren auf und er konnte hören. Und sofort konnte er normal sprechen. Was er sagt erzählt Markus nicht. Hat er sich bedankt? Hat er Gott gelobt, wie es nach anderen Heilungen erzählt wird? Was hat schon von Jesus erkannt? Ist der gehörlose Heide zu einem hörenden Christen geworden? Markus scheint das nicht die entscheidende Aussage zu sein. Jesus hat einem Menschen aus einem Elend geholfen. Das allein ist schon ein Wunder, wertvoll, ein Wert für sich.

Es gibt Christen, ich kenne das aus eigener Erfahrung, die kritisieren eine diakonische Arbeit,   eine Suchtarbeit,  eine Seniorenarbeit, eine Familienhilfe, für die sich andere Christen sehr einsetzten, mit der Frage: Und, bringt es etwas? Kommen da auch Menschen zum Glauben? Kommen die dann auch in unsere Gemeinde? Jesus hat nicht nur die geheilt, die dann auch an ihn glaubten. Und auch wir dürfen unsere  Liebe und Barmherzigkeit nicht davon abhängig machen. Durstigen zu trinken geben, Nackte kleiden, Gefangene besuchen, Familien zu unterstützen,  das ist alles einen  Wert in sich, gerade wenn es aus Liebe kommt und keine Bedingungen daran geknüpft sind.

36 Jesus verbot den Leuten, jemand etwas davon zu sagen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr machten sie es bekannt.

Warum sollen die Leute nicht von seinen Heilungen herumerzählen? Das kommt häufiger vor im Markusevangelium. Jesus möchte nicht zuerst als Heiler bekannt werden. Er möchte nicht als Wundertäter bewundert werden. Er hat Sorge, dass sein Dienst dadurch eingeschränkt oder abgekürzt wird. Es ist noch nicht im Plan, dass er durch seine Zeichen für alle als der Messias sichtbar wird. Die Leute damals erzählen nur noch mehr anderen davon, je deutlicher Jesus sie auffordert, es nicht zu tun. Den Mund halten, nicht alles mit anderen teilen, das ist  uns immer schon schwer gefallen.

37 Die Menschen waren vor Staunen ganz außer sich. Wie gut ist alles, was er getan hat!, sagten sie. Er gibt sogar den Tauben das Gehör und den Stummen die Sprache wieder. (NGÜ)

Seit Jesaja gilt es als ein Zeichen des Messias. Seit dem 8. Jhdt vor Jesu Geburt. Blinde werden sehen. Taube werden hören. Lahme werden gehen. In der Wüste brechen neue Quellen auf. (Vgl. Jes 35, 5-6)

„Er hat alles wohl gemacht.“ Das erinnert an den Schöpfungsbericht am Anfang der Bibel. Da heißt es: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1.Mose 1,31). Für den Geheilten und die Menschen, die ihn jetzt reden hören, für sie fängt ein Stück Himmel an. Als sei ein Stück Herrlichkeit auf die Erde gefallen. Gott hat sein ewiges Licht schon in diese Zeit auf diese Erde geworfen.

Die Wunder Jesu werden Zeichen genannt. Vorzeichen. Anzahlungen. Ein Stück der neuen Welt mitten in dieser Welt. „Er hat alles wohl gemacht!“ Einmal werden wir das alle sagen, wenn Jesus wiederkommt. Bis dahin wird es immer auch Menschen mit Einschränkungen geben. Leid. Schweres im Leben. Aber wir können uns heute schon genauso von Jesus zur Seite nehmen lassen. Ihn ansehen. Uns ansehen lassen. Und an unseren wunden Punkten berühren lassen. Und  öfter als wir vielleicht denken,  tut er ein Wunder an uns. Dann wundern wir uns und sehen ein Stück seiner Herrlichkeit.

Amen.

 

Ich habe wieder auch andere Predigten mit Gewinn gelesen. Hervorheben möchte ich die Predigt von Martin Schewe zu diesem Text vom 23.8.2021, www.predigten.evangelisch.de

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