Petrus verleugneut Jesus (Lukas 22, 54-62)

Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg
Norbert Giebel 28.3.2021

Lukas 22, 54-62       Petrus verleugnet Jesus

Gerade erst hatte Jesus sie wieder geweckt. Sie waren wieder eingeschlafen. Sie haben nicht realisiert, wie er innerlich kämpft, was für eine tiefe Angst ihn umtrieb. Jetzt stehen sie da. Jetzt haben sie Jesus in der Hand. Judas hat den Soldaten gezeigt, welcher von den Zwölfen er ist. Jetzt haben sie ihn  und  bringen ihn  weg vom Garten Gethsemane, weg von seinen Jüngern. Ich lese Lukas 22, 54-62:

54 Sie ergriffen ihn aber und führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. Petrus aber folgte von ferne. 55 Da zündeten sie ein Feuer an mitten im Hof und setzten sich zusammen; und Petrus setzte sich mitten unter sie. 56 Da sah ihn eine Magd im Licht sitzen und sah ihn genau an und sprach: Dieser war auch mit ihm. 57 Er aber leugnete und sprach: Frau, ich kenne ihn nicht. 58 Und nach einer kleinen Weile sah ihn ein anderer und sprach: Du bist auch einer von denen. Petrus aber sprach: Mensch, ich bin’s nicht. 59 Und nach einer Weile, etwa nach einer Stunde, bekräftigte es ein anderer und sprach: Wahrhaftig, dieser war auch mit ihm; denn er ist auch ein Galiläer. 60 Petrus aber sprach: Mensch, ich weiß nicht, was du sagst. Und alsbald, während er noch redete, krähte der Hahn. 61 Und der Herr wandte sich und sah Petrus an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. 62 Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.

Jetzt haben sie ihn und führen ihn ab. Predigtverbot. Keine großen Reden mehr. Keine Heilungen mehr. Keine Menschen mehr, denen er sich zuwenden kann. Schluss mit lustig. Jetzt machen sie Jesus zum Opfer. Stoßen ihn vor sich her. Seine Hände sind gebunden. Für die Soldaten ist er einfach nur ein Verbrecher, ein Gotteslästerer, der Blasphemie angezeigt. Sie erlauben sich kein eigenes Urteil. Sie führen Befehle aus. Jesus wird völlig passiv in seiner Passion. Sie machen etwas mit ihm und er lässt es geschehen. Er wehrt sich nicht. Jetzt wird er zum Opfer.

Nur Petrus folgt den Soldaten und ihrem Gefangenen  heimlich. Er will sehen, wohin man ihn bringt. Er will mit leiden, wenn auch in sicherer Distanz. Vielleicht kann er ja noch irgendetwas  retten. Petrus ist ein heimlicher Nachfolger. Keiner soll ihn sehen. „Petrus aber folgte von ferne“ schreibt Lukas. Kann man das, Jesus von ferne folgen? Wie viel Distanz zu Jesus kann man halten als Nachfolger? Wie nahe muss man heran, an seine Leiden?

Bis zum Haus des Hohenpriesters ist er ihnen gefolgt. Dort machen sie ein Feuer an. Die Soldaten, die Beamten, die Diener und Mägde des Hohen Priesters, sie machen ein Feuer an. Ein Feuer ist  etwas  Schönes. Ein Feuer lädt ein, sich dazu zu setzen. Man sieht in die Flamme, kommt zur Ruhe, lässt den Tag ausklingen. Ein Feuer steht für ein gemütliches aber unverbindliches Miteinander.

Petrus will einer von ihnen sein. Zumindest will er so tun. Nicht auffallen. Einfach dazugehören.  Petrus will sich verstecken unter den Menschen. Der „heimliche Nachfolger“ will einfach ein Teil der anderen sein. Bei ihnen sitzen und in die Flammen gucken.

Kann man sich als Nachfolger von Jesus verstecken in dieser Welt? Ein Teil der Menge werden? So tun, als wäre man wie alle anderen auch? Sich ans Feuer setzen, das Leben genießen, sich in nichts unterscheiden und den Mund halten, während Jesus leidet?!? – Auch nach Petrus haben es viele ihm noch gleich gemacht. Christen, die das Feuer suchten im Leben, Wärme, auch die Wärme anderer Menschen, Christen, die keinen Fall auffallen wollen, während Jesus leidet.

Drei Personen erkennen Petrus. Sie haben ihn gesehen bei den Jüngern. Sie merken es an seinem Akzent: Er kommt aus dem Norden, aus Galiläa. Der kommt nicht von hier. Der gehört hier nicht hin. „Du bist doch auch einer von Jesus!“ „Leute, seht her, der ist auch einer von Jesus!“  – „Stimmt nicht. Du spinnst ja, Du irrst dich. Ich kenne den Mann überhaupt nicht. Wer ist denn dieser Jesus? Ich schwöre. Lasst mich zufrieden.“

Petrus schätzt die Situation richtig ein. Er muss nicht lange rechnen, um zu erkennen, dass ihm ein Bekenntnis zu Jesus in dieser Situation zu viel kosten könnte. Petrus lügt. Drei Mal lügt er und tut so, als hätte er mit Jesus nichts zu tun.

Dann kräht der Hahn. Wenn ein Hahn kräht, dann fängt etwas Neues an, dann wachen die Menschen auf, dann geht bald die Sonne auf. Wenn der Hahn kräht, dann ist die Nacht vorbei. Um Petrus aber wird es dunkel, als der Hahn kräht. Vielleicht zittert er. Vielleicht fühlt es sich so an, wenn man einen Schlag in den Magen bekommt oder einen Eimer eiskalten Wassers über den Kopf geschüttet bekommt. Schlagartig schießt Petrus das Blut in den Kopf. Petrus erkennt sich selber. Es ist ein Schock für ihn. Er stürzt in sich selbst hinein. Er hat sich für so helle gehalten, jetzt stürzt er in seine eigene Finsternis.

Jesus hatte es ihm vorausgesagt. Am Abend vorher hatte Jesus seinen Jüngern gesagt, dass Satan sie versuchen wird, versuchen wird, sie von ihm weg zu bringen. Satan würde die Spreu vom Weizen trennen,  die, die nur leeres Stroh dreschen,  von denen, die Frucht bringen. Für Petrus war klar: Er ist einer er Guten. Er ist treu. Er würde auf der richtigen Seite stehen. Gestern hatte er Jesus geantwortet: »Herr,  ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis zu gehen, ja mit dir zu sterben!« (Luk 22,33)

Das war nicht gelogen. Das war ehrlich, engagiert, das hat er wirklich von sich geglaubt:  „Wenn du ich auf einen verlassen kannst, Herr, Jesus, dann auf mich!“ Und Jesus hatte ihm geantwortet:   »Ich sage dir, Petrus, noch ehe der  Hahn  heute  kräht,  wirst du mich dreimal verleugnen und behaupten, dass du mich nicht kennst.« (Luk 22,34)

Petrus war doch immer der Erste. Der Erste, der ins Wasser sprang um zu Jesus ans Ufer zu schwimmen als sie diesen großen Fischfang damals hatten. Der Erste, der auf dem Wasser ging Jesus entgegen. Der Erste, der ihn als den Messias erkannt hat. Bei seiner Verhaftung hat er als einziger zum Schwert gegriffen. Jetzt ist er ihm als Einziger gefolgt bis an dieses Feuer. Nicht umsonst hatte Jesus ihm einen neuen Namen gegeben. Petrus sollte er heißen. Das heißt Felsen übersetzt. Auf diesen Felsen kann man bauen. Er steht fest in der Brandung. Dachte er.

Als der Hahn kräht, da wacht Petrus auf aus seinem Traum über sich selbst. Was ist er für ein Feigling. Was hat er den Mund voll genommen? Warum lässt er gerade jetzt seinen Herrn im Stich, wo Jesus so leidet und einsam ist. Zum Glück hat der Hahn gekräht. Er kräht heute noch, immer wieder, laut, aber es sind nicht viele, die ihn hören wollen.

Petrus weint. Er hat seinen eigenen Tiefpunkt erreicht. Nie wird er sich das vergeben können. Er schämt sich in Grund und Boden. Weiß nicht wohin mit sich selbst. Dann merkt er, wie Jesus ihn ansieht. Stand Jesus mit den Soldaten auch hier auf dem Hof? Haben sich ihre Blicke getroffen? Oder hat Petrus innerlich gespürt, dass Jesus sich ihm gerade zuwendet und ihn ansieht?

Und was war das für ein Blick? Wie hat Jesus ihn denn angesehen? Zornig? Traurig? Wütend? Was hat sein Blick Petrus zu sagen? „Ich habe es immer gewusst. Auf dich ist kein Verlass. Du hältst große Stücke auf dich, du bist so stolz, du meinst dich auf dich verlasen zu können, und du bist so ein kleines Männchen! Du Versager. Du hast mich enttäuscht. Du sollst nicht mehr Petrus heißen.“?

Nein. Jesus hält an Petrus fest. Jesus kannte ihn ja, wusste wie stolz er war und was für ein Weichei er sein konnte. Nur Petrus wusste es nicht. Petrus werden die Augen über sich selbst geöffnet. Jesus hatte seine Augen schon offen. Der Herr drehte sich, aber eben gerade nicht von Petrus weg, sondern zu ihm hin. Das ist eine Zu-Wendung, eine gnädige Zuwendung. Sogar noch in den letzten, schrecklichen Stunden. Der Blick von Jesus auf diesen Sünder ist voller Liebe. Diese Zuwendung trägt Petrus durch diesen Tiefpunkt seines Lebens.  Diese Zu-Wendung,  der Blick von Jesus,  sie lassen Petrus überleben, trotz seiner Tränen.

Während Petrus seine Verbindung zu Jesus zerstört, stellt Jesus sie wieder her. Was Petrus getan hat, ist deswegen nicht weniger schlimm! Petrus hat ihn im Stich gelassen. Petrus hat sich öffentlich distanziert von Jesus. Petrus war kein Nachfolger mehr. Nicht einmal mehr ein heimlicher Nachfolger. Er ist voll auf Distanz gegangen. In dem Blick von Jesu war Schmerz und Enttäuschung. Aber seine Liebe war viel stärker. Er hat Petrus festgehalten als der ihn losgelassen hatte. „Ich habe gebetet, dass dein Glaube nicht aufhört!“ (Luk 22,31)

Später wird Jesus sich Petrus noch einmal besonders zu-wenden. Der Auferstandene wird sich Petrus als Seelsorger zu-wenden. Er wird Petrus helfen, sich selber vergeben zu können,   mit Jesus und sich selbst wieder ins Klare zu kommen, sich wieder ganz entschieden auf Jesus auszurichten. „Hast du mich lieb?“ wird er ihn drei Mal fragen. Und Petrus kann sich und sein Leben wieder in ihm fest machen. „Ja, ich habe dich lieb!“ „Ja, ich liebe dich!“ „Ja, ich liebe dich mehr als alles andere im Leben.“ (vgl. Joh 21, 7-18)

Vielleicht ist es für Petrus eine Lebensaufgabe geblieben, zu lernen, weniger sich selbst zu vertrauen, aber in allem immer mehr Gott zu vertrauen. Jesus aber hat immer an ihm festgehalten.

Amen.

Fragen zur eigenen Besinnung und zum Gebet:

Wer bist du heute?

  • Der selbstbewusste stolze Petrus, der Jesus sagt, dass er sich immer auf ihn verlassen kann, ja, dass du sogar bereit bist, dein Leben für hin zu geben?
  • Der Petrus, der ihm von ferne folgt, der heimliche Nachfolger, der Abstand hält, der dem Leiden Jesu nicht zu nahe kommen will?
  • Der Petrus, er sich unter die Menschen mischt, einfach einer von ihnen sein möchte, sich in nichts unterscheiden will?
  • Der Petrus, der erschüttert und erschrocken über sich selbst ist? Erschrickst du gerade über die Finsternis in dir?
  • Bist du heute der Petrus, der nicht zu Jesus gehalten hat, der ihn im Stich gelassen hat, der feige seinen Mund nicht aufbekommen hat?
  • Hört du gerade den Hahn krähen? Bist du gerade aufgewacht?
  • Bist du der Petrus, den Jesus gerade ansieht? Der erschüttert ist, tief berührt, tief getröstet wird, bist du der Petrus, den der Blick Jesus gerade zum Weinen bringt. Vor Freude und staunen und Dankbarkeit?

 

Profitiert habe ich für diese Predigt u.a. von einer Andacht von Dirk Klute unter dem Titel „Versager Petrus“ von 2017, dirkklute.wordpress.com .

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