1. Petrus 1, 4-7 Ein Haus aus lebendigen Steinen

Liebe Gemeinde,

ich habe uns einen Stein mitgebracht. Zu diesem Stein möchte ich heute etwas sagen.  Das ist ein ganz normaler Klinkerstein.  Solche Klinker braucht man, um Häuser zu bauen. Und das Allererste, was ich euch zu diesem Stein sagen will, ist:

  1. Ein Stein für sich allein ist gar nichts.

Dieser Stein für sich alleine nützt gar nichts. So schön er auch aussieht, auch wenn er überhaupt keinen Fehler hat und ein absolut erstklassiger Stein ist: Alleine mach er keinen Sinn. So ein Stein allein liegt irgendwo herum, ohne Funktion. Vermutlich ist er sogar noch ein  Hindernis.  Menschen können über ihn stolpern und ins Fallen kommen. Menschen können stürzen, nur weil dieser Stein irgendwo allein im Weg liegt.

So ein Klinkerstein ist dazu da, um mit ihm ein Haus zu bauen. Ein Haus soll vor Regen schützen, in einem Haus will man wohnen, im Haus soll es warm sein. Ein Stein allein schützt nicht vor Regen. Da kann auch keiner drin wohnen. Und auch der Stein selber kühlt schnell aus, wird kalt, und auch er selber hat keinen Schutz und keine Wohnung. Ein Stein allein ist gar nichts. Nur im Verbund mit anderen Steinen macht er Sinn. Verbund bedeutet, dass er mit anderen zusammengebaut wird.  Verbund bedeutet,  dass er andere Steine trägt  und dass er selber von anderen getragen wird.

  1. Jeder Stein hat seinen besonderen Platz im Haus.

Klinker wie dieser müssen wetterbeständig sein, denn sie sind an der Außenwand. Es gibt aber auch Steine für Innen, die man verputzen und tapezieren kann. Es gibt auch Steine, die viel Hitze abkönnen ohne Schaden zu nehmen. Mit denen baut man einen Kamin oder den Schornstein. Jeder Stein hat seinen Platz.  Jeder hat eine begrenzte Aufgabe. Kein Stein hält das ganze Haus, aber wenn er fehlen würde, wäre dort eine Lücke. Da wäre ein Loch in der Wand. Da zieht es durch. Oder es würde eine Dachpfanne fehlen oder ein Teil an einer Treppenstufe  und   Menschen könnten stolpern und stürzen.

  1. Manchmal müssen Steine besonders zugehauen werden.

Einige Steine werden in der Länge gekappt, abgeschnitten, damit sie passen. Andere in der Höhe oder in der Dicke. Manche werden fast zu Dreiecken umgeformt, damit sie ihren Platz einnehmen können. Wenn man so einen abgeschlagenen Stein alleine sieht, könnte man denken:  Der taugt zu nichts mehr. Der ist kaputt. Solche Steine kann man nicht gebrauchen, um ein Haus zu bauen. Dabei hat  der Maurer  diesen Stein ganz bewusst so geformt, damit er  einen Platz einnehmen kann,  den kein anderer Stein ausfüllt. Vielleicht ist die Wand schräg und es braucht einen schrägen Stein oder er passt genau an ein Fenster, das mit schrägen Winkeln gebaut ist.

Warum erzähle ich das? Es hat mit unserem Predigttext zu tun.
Ich lese 1. Petrus 2, 4 – 7.

4 Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. 5 Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.
6 Darum steht in der Schrift (Jesaja 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.« 7 Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar. Für die aber, die nicht glauben, ist er »der Stein, den die Bauleute verworfen haben; der ist zum Eckstein geworden« (Ps 118,22)

Jeder Christ ist ein Baustein für Gottes Haus. Gott hat ihn dazu berufen, Gottes Geist befähigt ihn. Darum ist es ein geistliches Haus: Gottes Geist fügt es zusammen. Ein Christ allein macht keinen Sinn. Sie oder er nützt nichts. Er kann nicht schützen, wärmen, anderen ein Zuhause geben. Gott kann sich im ihm nicht spiegeln. Er ist ja nur ein Teil vom Ganzen. Gott will eine Gemeinschaft, die er formen kann, eine Gemeinschaft, an der er sich zeigen kann und in die er andere einladen kann.

Manchmal gehen Christen schwere Wege und Gott muss sie beschneiden, formen, scheinbar beschädigen, aber dann passen sie genau an eine Stelle, wo kein anderer hinpassen würde. Scheinbar beschädigte Menschen. mit ihrer Geschichte, mit ihren Wunden,  mit ihren Schwächen und Grenzen:  Und Gott adelt sie, macht sie unersetzbar. Gott ist ein barmherziger Baumeister. Gottes Geist  hat  wenn man genau hinsieht, nur beschädigte Steine. Keiner ist perfekt! Und jeder ist genau richtig. Weil Jesus ihn ruft  und  weil Gottes Geist ihn einsetzt.

Jeder Christ hat seinen Platz im Haus Gottes. Wie ein  Körperteil  zu einem Körper gehört. Eine Hand alleine oder ein Fuß alleine kann gar nichts ausrichten. Selbst wenn man gut sehen will, braucht man zwei Augen und zwei Ohren, wenn man hören will.

  1. „Ein Christ allein ist ein Widerspruch in sich selbst!“

Das hat der früher bekannte Fernsehpfarrer Adolf Sommerauer gesagt. Es gibt kein Christsein ohne Gemeinschaft. Gott ruft Menschen in sein Volk, Gott ruft in seine Familie, Gott will seine Herrschaft zeigen in einem neuen Miteinander von Menschen. Gottes Geist macht uns angewiesen auf andere Christen. Keiner hat alle Gaben,  niemand macht alle Erfahrungen: Wir brauchen einander zur Ergänzung, zum Trost, zur Freude, und wir sollen füreinander da sein.

Ein Christ allein geht ein!“ auch ein Zitat von Adolf Sommerauer. Ein Christ allein ist wie eine  Traube,  die vom Weinstock gefallen ist und auf dem Boden liegt. Woher soll die Traube noch ihre Kraft nehmen?  Ein Christ allein wird zur Rosine. Er schrumpelt. Kein Christ wird sein Leben mit Jesus, unter seiner Herrschaft, bestehen, ihm treu bleiben, im Hören auf ihn bleiben, wenn er nicht mit anderen Christen verbunden lebt.

Paulus spricht in diesem Zusammenhang von Charismen. Charis ist das griechische Wort für  Gnade. Charismen sind Gnadengaben. Man kann auch übersetzen „kleine Gnaden“. Diese Charismen, diese Teile der Gnade, die wir erleben sollen, hat Gott unter seinen Leuten verteilt.  Erst wenn sie zusammenkommen, wenn sie miteinander verbunden leben, erst dann erleben sie die  Fülle  der Gnade Gottes, die er schenken will.

Paulus könnte es genau so sagen wie Adolf Sommerauer oder wie Petrus: „Ein Christ allein geht ein“. „Ein Christ allein ist ein Widerspruch in sich selbst.“ Die Gemeinde ist der Leib Jesu, sagt Paulus. Die Gemeinde ist das Haus Gottes, sagt Petrus. Und Petrus schreibt von einem besonderen Stein, dem Eckstein:

  1. „Kommt zu Christus, dem lebendigen Eckstein!“

Der Eckstein war bei Häusern aus  Naturstein besonders  wichtig. Das war mitunter eine wackelige Angelegenheit. Die Steine waren ja keine Rechtecke, gleichmäßig,  glatt und genormt wie unsere Maurersteine. Jeder Stein war anders. Sie zu verbinden war noch einmal schwieriger. Der Eckstein hielt die  Kanten stabil. Auf ihm ruhte das Gewicht von  beiden Wänden, die sich an seiner Ecke trafen. Mit einem großen Eckstein wurde angefangen. Von ihm ausgehend wurde das Haus aufgerichtet. Er gab die Richtung vor.

„Die Bauleute haben ihn weggeworfen“, sagt Petrus. Sie dachten: ‚Der taugt nichts; der ist nichts wert.’ Aber Gott hat ihn zum lebendigen Eckstein gemacht. Christus ist der Grund, der Anfang für Gottes Haus. An ihm sollen sich alle Bausteine ausrichten. Auf ihn sollen und dürfen sich alle stützen.

Weggeworfen wurde er Karfreitag. Gekreuzigt. Lebendig gemacht wurde er zu Ostern. Auferweckt. Dass der Eckstein  lebendig  genannt wird,  ist ein Hinweis auf die Auferweckung von Jesus. Christen glauben nicht an eine Person der Vergangenheit. Wir glauben nicht an einen Gründer, der gestorben ist und dem wir heute noch folgen. Wir glauben an den Christus, der lebt, an den Lebendigen von dem das Leben kommt.

  1. Lasst auch ihr euch als lebendige Steine einbauen.

Gott ruft und der Heilige Geist befähigt uns. Dass auch wir lebendige Steine sind, kommt von Gott. Da ist ein neues Leben in uns. Ewiges Leben. Etwas von Gottes Herrlichkeit. Petrus nennt es Hoffnung in seinem Brief. Da ist eine Hoffnung in uns, die uns treibt, die uns unterscheidet. Wir wissen: Da kommt etwas ganz Großes auf diese Welt zu! Und der Heilige Geist macht dieses neue Leben in uns stark, sichtbar, wirksam.

Und doch wird Gottes Haus  nicht ohne uns  gebaut. Wir sind keine Marionetten. Wir sind keine toten Steine. Wir sollen uns einbauen lassen!  Wir müssen es wollen, Uns von dieser anderen Kraft in uns treiben lassen. Paulus kann sagen „Die der Geist Gottes treibt, sie sind Gottes Kinder!“ (Römer 8)

Wie sind wir oder wie bleiben wir lebendige Steine? Zwei grundlegende Hinweise finden wir in 1. Petrus 2. Begierig sein nach Gottes Wort und einen engen lebendigen Kontakt zu anderen in der Gemeinde haben. Beides passt gut zu unserem Gemeindegeburtstag. Wir feiern heute den 174. Gründungstag unserer Gemeinde hier in Kassel. Denn damit sind wie Baptisten einmal angetreten:  Wir wollen eine  Bibelbewegung  und  eine Gemeinschaftsbewegung sein.

Zur Freude an Gottes Wort spricht Petrus direkt vor unserem Predigttext: „Wie neugeborene Kinder nach Milch schreien, sollt ihr nach der unverfälschten Nahrung von Gottes Wort verlangen!“ (V2)

Säuglinge haben Hunger nach Milch und sie schreien. Christen haben Hunger nach Gottes Wort, sie schreien danach. Sie haben geschmeckt, wie gnädig Gott ist und sie werden nicht satt davon. Sie haben erlebt, dass Gott zu ihnen spricht, sie herausfordert, sie tröstet, sie Neues erkennen. Sie wollen mehr davon. Sie werden nicht satt davon. Sie lieben Gott, wie könnten sie je genug von ihm bekommen!

Gottes Wort ist nicht einfach die Bibel. Als Petrus seinen Brief geschrieben hat, gab es die Bibel noch nicht. Gemeinden hatten vielleicht ein Evangelium, vielleicht einen Brief, den wir heute im Neuen Testament finden, vielleicht auch nur Fragmente. Gottes Wort, das ist die Erfahrung, dass Gott zu uns spricht durch heilige Schriften, durch Predigten,  durch Berichte aus dem Leben Jesu.

Auch die Bibel, die wir heute in der Hand haben, ist nicht einfach Gottes Wort. Sie ist ein Buch. Papier. Gedruckt wie Millionen andere Bücher. Für uns ins Deutsche übersetzt. Gottes Wort  wird  die Bibel immer erst, nämlich dann, wenn man darin liest, darin forscht, wenn man sie abhört, was Gott uns zu sagen hat. Die Bibel kann man in den Schrank stellen, aber nicht Gottes Wort. Das ist lebendig, wenn Gott durch die Bibel zu uns spricht.

Säuglinge schreien nicht nach einer Flasche Milch, die dann im Kühlschrank  bleibt. Wir haben alle die beste Milch zuhause, wenn wir aber nicht in Ruhe, hörend, mit der notwendigen Offenheit  und Konzentration in der Bibel lesen, lassen wir die Milch im Kühlschrank.

Es ist oft nicht einfach, Texte der Bibel zu verstehen. Es sind alte Texte.  Die Situationen, in die Gott damals hineingesprochen hat, zu Israel, zu den ersten Christen, sind meistens nicht unsere Situationen. Was hat Gott uns durch diese Worte heute zu sagen?! Das braucht es Zeit. Gebet. Austausch. Gemeinsames Nachdenken. Auch eine äußere Atmosphäre, die es uns erleichtert, Gottes Wort darin zu hören. Eine Mutter, die ihr Kind stillt, zieht sich zurück, damit das Kind in Ruhe trinken kann. Eigene Räume, eigene Zeiten, um Gott zuzuhören, Zeit mit ihm zu haben, sind wichtig.

Das persönliche Bibellesen und die Bibelstunden waren ein Kennzeichen der  frühen  Baptistengemeinden. Jede große Gemeinde hatte mehrere Bibelstunden in verschiedenen Orten oder Stadtteilen. Baptisten wollten eine Bibelbewegung und eine Gemeinschaftsbewegung sein.

Baptistengemeinden sind durch ihre Gemeindegruppen aufgefallen. Das war neu in dieser Form. Frauengruppen, Jungen- und Mädchengruppen, Chöre, Sonntagsschule in der Woche. Es gab auch Enthaltsamkeitsgruppen, in denen man auf Alkohol verzichtet hat. Die Gemeinden wuchsen schnell. Diese Betonung der Gemeinschaft war neu. Es gibt Briefverkehre zwischen Glaubensgeschwistern aus Landeskirchen, in denen gefordert wird, man müsse es wie die Baptisten machen mit ihren Gruppenangeboten.

Wie kann man Gemeinschaft leben, wenn man sich nicht kennt? Wie kann man mit anderen verbunden sein, wie lebendige Steine eines Hauses, füreinander beten, einander tragen, wenn man keinen persönlichen Kontakt hat? Um eine Bibelbewegung und eine Gemeinschaftsbewegung zu sein, haben Baptisten auf Gruppen gesetzt. Vergleichbar mit Gemeinden heute, die auf Hauskreise setzen.

In einem Jahr wird unsere Gemeinde 175 Jahre alt. Das wäre ein gelungener Geburtstag, wenn wir diese Ideen wieder neu beleben würden: Wir wollen eine Bibel- und eine Gemeinschaftsbewegung sein. Man kann diesen Hunger nach Gottes Wort, nach Erneuerung und Gottes Geist auch verlieren. Darum fordert Petrus: „Lasst auch ihr euch als lebendige Steine einbauen zu einem geistlichen Haus und zur heiligen Priesterschaft!“

  1. Ihr seid eine königliche Priesterschaft.

Der neue Bund Gottes kennt keine Priester mehr. Keine Menschen, die einen besonderen Zugang zu Gott haben und zwischen Gott und Menschen vermitteln. Der neue Bund Gottes kennt nur noch Priester. Alle haben den vollen Zugang zu Gott und alle sollen Mittler sein zwischen ihm und Menschen, die noch nicht mit ihm leben. Direkt nach unserem Predigttext schreibt Petrus:

9 Ihr aber seid ein von Gott auserwähltes Volk, seine königlichen Priester, ihr gehört ganz zu ihm und seid sein Eigentum. Deshalb sollt ihr die großen Taten Gottes verkünden, der euch aus der Finsternis befreit und in sein wunderbares Licht geführt hat.

Das Priestertum aller Glaubenden ist ein Verkündigertum aller Glaubenden. „Jeder Baptist ein Missionar!“ Johann Gerhard Onken soll dieses Wort  geprägt haben, der Gründer der Baptisten in Deutschland 1834. Christen reden von der Hoffnung, die sie in sich haben. Sie laden dazu ein und sie geben anderen ein Zuhause, die Gott suchen und brauchen so wie sie selbst.

Vor 8 Jahren  haben wir in unserer Gemeinde  ein Leitbild für uns formuliert. „Wir sind ein offenes Haus für alle Menschen!“ Dieser Leitsatz hat etwas bei uns ausgelöst! Aber es ist auch ein Leitsatz, mit dem man nie fertig ist. Ich wünsche unserer Gemeinde zu ihrem Geburtstag alles Gute! Ich wünsche uns, das wir eine Bibelbewegung sind und eine Gemeinschaftsbewegung, dass wir unseren Glauben bekennen und dass wir weiter ein offene Haus für alle Menschen werden.

Amen

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