Klagelieder 3, 22-26. 31-32 „Gottes Güte hört nicht auf!“

Ich lese uns einen wunderbaren Bibeltext:

22 Von Gottes Güte kommt es, dass wir noch leben. Sein Erbarmen ist noch nicht zu Ende, 23 seine Liebe ist jeden Morgen neu und seine Treue unfassbar groß. 24 Ich sage: Der HERR ist mein Ein und Alles; darum setze ich meine Hoffnung auf ihn. 25 Der HERR ist gut zu denen, die nach ihm fragen, zu allen, die seine Nähe suchen. 26 Darum ist es das Beste, zu schweigen und auf die Hilfe des HERRN zu warten. 31 Der Herr verstößt uns nicht für immer. 32 Auch wenn er uns Leiden schickt, erbarmt er sich doch wieder über uns, weil seine Liebe so reich und so groß ist. (Gute Nachricht)

Ich finde ja, diesen Text könnte man noch einmal und noch einmal lesen. Immer wieder seine Kraft und seinen Trost auf sich wirken lassen. Ihn meditieren, inhalieren. Seine Kraft zu trösten nimmt noch zu, wenn man bedenkt, in welcher Situation er geschrieben wurde.

  1. Hier freut sich jemand früh am Morgen an Gott.

Wenn er aufwacht,  wenn sein Tag beginnt,  dann ist Gott der Erste, auf den er sieht und den er anspricht. Er beginnt seinen Tag damit, Gott zu loben. Gott hat neben ihm gewacht. Er ist immer noch da. Der Beter nimmt ihn jetzt wieder wahr. Er hält sich an ihm fest, an seiner Güte und Liebe. Sie wird nie aufhören! Der Beter am  Morgen nimmt Gottes Hand: Mit ihm will er diesen Tag leben. Egal wie die Nacht war, egal, was der Tag bringt:  Er lobt Gott! Egal was er erleben wird, wie schwer dieser Tag werden mag. Es wird ein guter Tag, weil Gott ihn mit ihm lebt! Der Beter behält sein tiefes Vertrauen zu Gott nicht für sich selbst. Es ein Bekenntnis, eine Predigt,  eine Ermutigung auch für andere.

Von Gottes Güte kommt es, dass wir noch leben. … Der HERR ist gut zu denen, die nach ihm fragen. … Der Herr verstößt uns nicht für immer. Auch wenn er uns Leiden schickt, erbarmt er sich doch wieder über uns, weil seine Liebe so reich und so groß ist

Wir befinden uns Ende des 6. Jhdt. vor Christus in Jerusalem. Kurz nach 587 vor Christus. 587 vor Christus hatten die Babylonier Jerusalem eingenommen. Der Tempel war zerstört.  Die Mauern waren geschleift. Viele Häuser waren leer oder ein alter Mann, eine alte Frau war zurückgeblieben. Das war die Politik der Babylonier, besiegte Völker aus ihrer Heimat wegzuführen um sie so zu zerstören, sie so zu kontrollieren. Alle, die arbeiten konnten, alle, die Einfluss hatten, Handwerker, Beamte  und  führende Männer waren ins Exil deportiert worden. Schwache, Alte, Frauen und Kinder blieben zurück. Trauer in jedem Haus.  Alte, Witwen, Waisen, die niemanden mehr hatten, der für sie sorgte. – Absolutes Elend in Jerusalem.

Wir haben eine alte Frau in unserer Gemeinde. Als Kind hat sie Vertreibung erlebt. Sie hatten einen Hof in der Ukraine. Sie mussten alles zurücklassen. Nach dem Krieg wurde sie mit ihrer Mutter und  zwei Tanten  nach Sibirien verschleppt.  Zur Zwangsarbeit im Wald. Ihre Mutter und eine Tante verhungerten. Die andere Tante kam für ein geringes Vergehen drei Jahre ins Gefängnis. Immerhin bekam sie dort zu Essen. Die heute alte Schwester hat sich damals 15 Jahre alt selber durchschlagen müssen bis die andere Tante wieder aus dem Gefängnis freikam. Und ihr Schicksal war ein Schicksal von vielen.

Man muss nicht 2500 Jahre zurückgehen, um das Elend nachzuvollziehen, das Menschen damals in Jerusalem erlebt haben. Leid, Elend, hoffnungslose Situationen gibt es auch heute noch. In den verschiedensten Facetten.

Den Menschen in Jerusalem sollte auch der Glaube zerstört werden. Der Tempel, das Herz ihrer Stadt und ihres Glaubens, er war zerstört.  Die Priester waren weg. Auch ihr Glaube ist mit deportiert worden. Wie konnte Gott das zulassen? In  dieser Zeit steht Jeremia morgens auf und sucht als Erstes Gottes Angesicht. Und er wirft sich in Gottes Liebe und Güte, von der er gerade gar nichts mehr sehen kann. Nur hier aber kann er überleben. Nur in Gott findet er Halt. Und bei ihm findet er Kraft, Mut und Hoffnung für diesen Tag. „Sein Erbarmen hat noch kein Ende!“ Das hält ihn aufrecht.

Vielleicht  hat Jeremia es noch nie so bewusst gesagt, noch nie so tief erkannt oder gewollt, was er jetzt sagt:

„Der HERR ist mein Ein und Alles; darum setze ich meine Hoffnung auf ihn. 25 Der HERR ist gut zu denen, die nach ihm fragen, zu allen, die seine Nähe suchen! 31 Der Herr verstößt uns nicht für immer. 32 Auch wenn er uns Leiden schickt, erbarmt er sich doch wieder über uns, weil seine Liebe so reich und groß ist.“ 

  1. Hier schreibt jemand ein Lied für alle Leidenden

Aus dem Buch der Klagelieder wird nur alle Jahre wieder einmal gepredigt. Viele Texte sind sehr düster. Jeremia oder andere Verfasser des Buches geben den Verzweifelten Worte. Er gibt ihnen Worte, Gebete, Klagen, die sich nachsprechen können. Wer lange leidet, wem Schreckliches widerfährt, dem fehlen die Worte. Vielleicht betet man noch anfangs viel, laut, ständig, hört nicht auf zu bitten. Irgendwann gehen einem die Worte aus.

Uns Baptisten und anderen Freikirchlern liegen vorformulierte Gebete nicht so. Wir beten gerne frei, mit unseren Worten.  Aber manchmal und gerade wenn man selber kaum noch Glauben oder Hoffnung hat, helfen vorformulierte Gebete. Bitten, Klagen, vielleicht auch Lob in fester Form. Man kann das Vaterunser beten und alle seine Wünsche und Klagen einfließen lassen. Ein großer Reichtum immer noch sind die uralten Psalmen. Wer mich kennt weiß, dass ich Gebete liebe, bewundere, manchmal brauche von Antje Sabine Naegeli zum Beispiel. Da  denkt und fühlt  jemand  wie ich.   Da macht einer das Gleiche durch  oder muss etwas ganz Ähnliches erlebt haben. Da findet einer Worte für meine Gefühle, die ich gar nicht ausdrücken kann. Die Klagelieder sind für Menschen geschrieben, die kaum noch Worte finden für ihre Lebenssituation.

Das ganze Buch ist übrigens sehr kunstvoll aufgebaut. In der deutschen Übersetzung erkennen wir es nicht mehr. Es sind fünf Kapitel. Die ersten beiden und die letzten beiden Kapitel haben je 22 Verse. Im hebräischen Alphabet gibt es 22 Buchstaben, und jeder Vers dieser vier Kapitel beginnt mit dem jeweils folgenden Buchstaben, also der erste Vers beginnt mit A (Alef) der zweite mit B (beth) usw. Das mittlere dritte Kapitel,  mit dem wir es heute zu tun haben, hat 66 Verse. Dort beginnen jeweils drei Verse mit demselben Buchstaben wieder in alphabetischer Reihenfolge und in der Mitte dieses Kapitels, die auch die Mitte der Klagelieder als Ganzes ist, da wird es plötzlich hell. Da siegt die Hoffnung:

„Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“ (Luther) Daran hängt alles.

  1. Hier klagt jemand absolut ungefiltert.

Ich weiß nicht, ob ihr die Klagelieder lest. Darum möchte ich noch eines vorlesen. Klage ist etwas anderes als Jammern. Wer jammert, der bleibt bei sich selbst. Der jammert über sein Leben. Der klagt sich selber an oder andere. Wer klagt, der geht zu Gott. Und wir werden gleich sehen: Dabei wird kein Blatt vor den Mund genommen. Da geht es nicht darum, alles richtig zu sagen, sondern ehrlich zu sein, alles ehrlich zu sagen. Seinen Gefühlen Worte zu geben.  Da verliert man auch schon mal das rechte Maß. Und wenn es gerade ganz dunkel ist, dann redet man auch so. Letztlich sucht man in allem genau das:  Neue Hoffnung. Neues Vertrauen. Man will sich festhalten an Gottes Güte.

„Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“

Aber der Weg dahin ist ehrlich. Offen. Unverstellt. Ich lese Klagelieder 3:

3, 1 Ich bin der Mann, der viel gelitten hat unter den zornigen Schlägen des HERRN. 2 Ich bin es, den er vor sich hertrieb, immer tiefer in die dunkelste Nacht. 3 Immer nur mich traf seine Faust, Tag für Tag, ohne aufzuhören. 4 Er lässt meine Haut und mein Fleisch zerfallen und zerbricht mir alle meine Knochen. 5 Von allen Seiten schließt er mich ein, er umstellt mich mit Bitterkeit und Qual. 6 In Finsternis lässt er mich wohnen wie die, die schon seit langem tot sind. 7 Er hat mich eingemauert und in Ketten gelegt, aus diesem Gefängnis gibt es keinen Ausweg. 8 Ich kann um Hilfe schreien, so viel ich will – mein Rufen dringt nicht an sein Ohr. 9 Er hat mir Steine in den Weg gelegt, sodass ich mich ständig verirre. 10 Wie ein Bär hat er mir aufgelauert, wie ein Löwe in einem Hinterhalt. 11 Er hat mich vom Weg herunter gezerrt, dann hat er mich zusammengeschlagen. 12 Er hat den Bogen auf mich angelegt und mich als Ziel für seine Pfeile benutzt. 13 Pfeil auf Pfeil hat er abgeschossen und mir den Rücken durchbohrt. (…) 17 Das ruhige Leben hat er mir genommen; ich weiß nicht mehr, was Glück bedeutet. 18 Ich habe keine Zukunft mehr, vom HERRN ist nichts mehr zu hoffen!

Niemand muss diese Sätze sagen. Sie sind nicht richtig. Da stimmt nicht alles. Keiner muss es nachsprechen.  Ich könnte diese Sätze nicht für mich nachsprechen. Nie vermutlich.  Aber wer so fühlt, der darf das sagen. Gott hält das aus. Jeremia weiß nicht, ob er Gott noch vertrauen kann. Auch „vom Herrn ist nichts mehr zu hoffen“ sagt er. Oder er formuliert es für die, denen alles genommen wurde, die sich nach ihren Kindern, ihren Partnern, ihren Eltern sehnen damals in Jerusalem. Aber das düsterste Kapitel in den Klageliedern hat nicht das letzte Wort.

„Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“ „Darum ist es das Beste, zu schweigen und auf die Hilfe des HERRN zu warten.“ „Auch wenn er uns Leiden schickt, erbarmt er sich doch wieder über uns, weil seine Liebe so reich und so groß ist.“

Antje Sabine Naegeli habe ich schon erwähnt. Einige ihrer Gebete sind moderne Klagelieder. „Umarme mich, dass ich weitergehen kann. – Gebets des Vertrauens!“ Ist wohl das bekannteste Gebetsbuch von ihr. Ich lese ein Gebet von ihr:

„Wundgerissen habe ich mich
An dir, Gott.
Du, unfassbar, völlig verborgen.
Du, so fremd und so fern,
dass ich aufschreie.(…)
Dein Schweigen zermalmt mich.
Verlassenheit gräbt
Tief und tiefer sich ein.
Gib dich zu erkennen, Du,
Lass mich nicht los,
lass mich jetzt nicht los,
halte mit mir aus,
was ich alleine nicht ertragen kann.

Wem es nur gut geht, falls es so jemanden gibt, dem wirken solche Gebete vielleicht zu düster, aber sie sind voller Trost, sie trösten, sie führen zu Christus, sie machen ein Licht an, es sind Gebete, die uns in Kontakt mit Jesus bringen, Gebete, die zu neuem Vertrauen befreien.

Wer trauert, wer leidet, wer das Gefühl hat, alles verloren zu haben, wer nicht mehr weiß, was er glauben soll, Ihn oder sie trösten keine Floskeln, keine schnellen Antworten. Die erste Hilfe ist es, dem Leiden Raum zu geben, es ausdrücken zu können. Ich bin krank. Bitte hilf mir. Ich bin mutlos. Bitte richte mich wieder auf. Ich habe keinen Glauben mehr. Bitte gib mir Hoffnung. Die Klage ist sozusagen immer das Erste, die erste Hälfte dieser Sätze.

  1. Hier gibt jemand der Hoffnung Worte!

22 Von Gottes Güte kommt es, dass wir noch leben. Sein Erbarmen ist noch nicht zu Ende, 23 seine Liebe ist jeden Morgen neu und seine Treue unfassbar groß. 24 Ich sage: Der HERR ist mein Ein und Alles; darum setze ich meine Hoffnung auf ihn.

Die große Ermutigung, die Kraft dieser Verse, liegt darin, dass sie jemand spricht, der leidet, der Schweres im Leben kennt und der sich seinem Leid  vor Gott gestellt hat. Jemand, der nicht ausweicht, der Schweres nicht wegredet.

Paulus hat den Korinthern geschrieben (2. Kor 1,3):

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.

Wodurch kommt man Gott näher, durch Glück oder Leid? Wer weiß mehr vom Leben, die Immer-Glückliche oder die Trauernde, die ihre Not zusammen mit Gott erlebt?

Ich will das nicht entscheiden! Aber mindestens das will ich sagen: Wer Not hat und diese Not mit Gott durchlebt, der kommt ihm näher und sie oder er kann auch andere trösten. Wie Jeremia. Wie Paulus.

Ich weiß, ich lese euch heute viel vor. Aber ich habe noch etwas gefunden. ICH finde es ermutigend. Nicht billig, aber kostbar: Im Warschauer Ghetto, einem sicher genauso elenden Ort wie Jerusalem nach der Zerstörung, dort fand man folgende Inschrift:

„Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint.
Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre.
Ich glaube an Gott, auch wenn ich ihn nicht sehe!“

In einer anderen Schrift heißt es von einem Juden, der seine ganze Familie im Aufstand im Warschauer Ghetto verloren hat:

„Ich aber sterbe genau wie ich gelebt habe, im felsenfesten Glauben an Dich. Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der ewige ist einig und einzig!“

Amen

(Ansage des nächsten Liedes)
Oder wie Paul Gerhardt, auch jemand, der Krieg und Pest kennt, einen Großteil seiner Familie verloren hat, es im nächsten Lied formuliert hat: „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann!“

 

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