Lukas 19, 37-40 Jubelnde Jünger und schreiende Steine

Liebe Gemeinde,

heute ist Sonntag Kantate. Das heißt „singt“ übersetzt. Imperativ. Das ist eine Aufforderung im Plural, der wir so gerne nachkommen würden. Aber wir dürfen nicht. Gerade beim Singen atmet man tief ein und tief aus, man atmet lange aus, die Gefahr der Ansteckung wäre zu groß. Das erleben wir jetzt schon über ein Jahr.

Auch wenn wir zu Gottesdiensten zusammengekommen sind, Abstände gehalten haben, Masken getragen haben: Wir durften nicht singen. Wie fremd hat sich das angefühlt. Und wir können uns auch nicht daran gewöhnen. Gottesdienst ohne gemeinsames Singen, das ist wie eine Predigt ohne Ton. Oder wie ein Haus ohne Dach. Da fehlt gefühlt das Wichtigste.

Dabei geht es uns weniger um die Musik als darum, Gott zu loben, singend zu beten, eins zu sein im Lob Gottes. Wenn man  gemeinsam Gott lobt, mit den gleichen Worten, mit den gleichen Melodien, an einem Ort mit der gleichen Ausrichtung auf Gott, dann wird man irgendwie ein Leib, eine Einheit, ein großer Chor, mit einer Stimme. Das fehlt uns. Vielleicht gar nicht immer in top Qualität, jeden Ton gut getroffen, aber ein Chor der Herzen.

Das kann ein alter Choral sein aus Luthers Zeiten oder ein ganz neues Lied:  Egal. Aber wir möchten Gott zusammen loben. Wir möchten diese Einheit in unserem Bekenntnis und unserem Glauben erleben. Ich lobe Gott, mache mich an ihm fest, freue mich an ihm, und neben mir,  vor mir, hinter mir, oben auf der Empore, überall sind Menschen, die auch gerade Gott loben, mit der gleichen Freude, vielleicht auch mit der gleichen Bitte oder auch einmal mit der gleichen Klage.

Stark ist meines Jesu Hand und er wird mich ewig fassen!“ Das wollen wir zusammen singen. Es ist nicht die Musik, die uns fehlt.  Es gibt so viele Wege, Musik zu hören,  auch geistliche Lieder. Was uns fehlt, ist das gemeinsame Bekenntnis, Jesus gemeinsam zuzurufen: „Du bist heilig, du bist Herr!“ „Herr der Herren, dir sei Lob und Ehre!“ „Gott ist gut. Wir singen laut: Gott ist gut!“ – Es fehlt uns so viel an Trost, an gegenseitiger Ermutigung, es fehlt uns  die Freude an der oder dem anderen, der mit mir zusammen glaubt und hofft und Gott lobt.

Auch in unserem Predigttext heute geht es um Menschen, die Jesus zujubeln. Sie jubeln laut   und was der Grund ihres Jubels ist, das rufen sie deutlich: „Gelobt sei der da kommt, der König im Namen unseres Herrn.“ Das ist eine Zeile aus Psalm 118 (Vers 26), also aus einem schon damals sehr alten Lied. Aber dieser Psalm Lied wurde auf den Messias hin verstanden. Es wurde prophetisch verstanden auf den Erlöser und Retter hin, den Gott einmal senden wollte.

Die Jünger jubeln und sie proklamieren Jesus laut als den  Messias! Und sie haben andere angesteckt. Viele andere, die auch an Jesus glaubten, andere Jünger, sie stimmten mit ein. Sie mussten gar nicht dazu aufgerufen werden. Es kam von Herzen. Es war überwältigend. Alle eins in ihrem Bekenntnis zu Jesus. Ein einziges großes Gesangsfest. Als wäre die ganze Straße voll und alle würden singen: We shall overcome!

Keine Ahnung, ob das gut geklungen hat. Es gab keinen Chorleiter. Vielleicht klang das so, als würden 50 Leute über Zoom zusammen zu singen. Das geht schief. Das klingt sehr schief. Versetzt. Einer stimmt schon die nächste Zeile an während andere sie noch singen. Andere rufen dazwischen. Keine Ahnung, ob das gut geklungen hat. Auf jeden Fall aber waren sie ein Chor der Herzen. Und sie haben das erlebt, wonach wir uns so sehnen.

Jesus hatte zwei Jünger in die Stadt vorausgeschickt. Sie sollten einen Esel besorgen. Jesus hatte damit diese Szene initiiert. Es war genauso geplant, wie es sich dann entwickelte. Jesus bildete die Mitte dieses „Straßengottesdienstes“. Dass er auf einem Esel ritt war noch kein Zeichen. Der Esel war der Trabbi, der VW Käfer, die Vespa der damaligen Zeit: Jeder ritt auf einem Esel. Der Esel war das Volksgefährt.

Aber Sacharja, der Prophet, er hatte vorausgesagt, dass der Messias auf einem jungen Esel reiten würde. Arm und demütig würde er als Friedenskönig auf einem Esel reiten. Der Esel als ein Symbol gegen Macht und Gewalt. Gegen Reichtum, gegen menschliche Statussymbole. Gottes König als ein Antikönig. Dann war der Esel  doch  ein Zeichen. Und die Jünger gestalteten die Ankunft von Jesu in Jerusalem entsprechend als den feierlichen Einzug eines Herrschers.

Feierliche Einzüge von Herrschern in eine Stadt waren in der römischen Welt ein Mittel der Machtdemonstration. Sie folgten einem mehr oder weniger festen Ritual. Hoch zu Ross, auf einem Pferd, umgeben von Offizieren und Soldaten, traf der Erwartete vor dem Stadttor ein. Dort wurde er von den Behörden und Vertretern der Oberschicht feierlich empfangen und unter dem Jubel der Bevölkerung in die Stadt geleitet. Begrüßungsreden, Proklamationen seiner Titel und Herrschaftsbereichen und Jubelrufe gehörten zu diesem Ritual ebenso wie das Ausbreiten von Kleidern und Zweigen auf dem Weg des Geehrten. (Quelle: www.bibelwerk.ch; gekürzt.)

Die beiden Jünger brachten den Esel aus der Stadt heraus. Sie legten Kleider auf das Tier und ließen Jesus aufsteigen. Andere Jünger warfen ihrer Kleider wie einen Teppich vor ihm auf die Straße. Markus und Matthäus  berichten auch, dass das Volk mit Palmenzweigen  wedelte. Das fehlt im Bericht von Lukas. Dann kommen Jesus und seine Jünger vom Ölberg herunter in die Stadt hinein und dann beginnt der Jubel. Ich lese Lukas 19, 37-40:

37 Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, 38 und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! 39 Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! 40 Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

So stellt man sich den Sonntag Kantate vor: „Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für sein Gnade!“ „Dir, dir, o Höchster, will ich singen, denn wo ist solch ein Gott wie du?“ ABER auch den Jüngern hier soll das Loben verboten werden. Laut haben sie gesungen, das hält Lukas fest. Das sollten alle hören. Sie wollten andere damit anstecken. Einigen Pharisäern ist es zu laut. Sie gehen zu Jesus: „Sie sollen still sein! Sag ihnen, dass sie aufhören!“

Was hat die Pharisäer bewogen, ein Gesangsverbot zu fordern? War die Musik zu laut? War das nur Lärm in ihren Ohren? Fanden sie es unangemessen, auf der Straße zu singen? Wollten sie sozusagen den Gottesdienst an den Tempel binden? „Wenn ihr beten wollt, singen wollt, euren Glauben bekennen wollt, dann doch bitte in der Kirche?“ Oder hat das bunte Treiben, das sie da erlebten, einfach gegen ihr Ordnungsdenken verstoßen? Das war neu, das war fremd, das war anders, (also:) das gehört sich nicht??

Lukas nennt ihre Gründe nicht. Ich  halte zwei Varianten für möglich. Entweder haben sich die Pharisäer entrüstet darüber, dass Jesus sich als König feiern ließ. Sie haben das Zeichen verstanden. Sie haben gehört, was seine Jünger gerufen haben. Vielleicht waren sie einfach zu, verschlossen, dicht, verhärtet für das Evangelium, für eine gute neue Nachricht von Gott. Vielleicht traten sie hier als eine Art Religionspolizei auf und wollten verbieten, dass Jesus als messianischer König begrüßt wurde. Sie haben die Ansteckungsgefahr erkannt. Nicht die von einem Virus,  sondern die von einem Bekenntnis: „Jesus ist der Herr!“  Dieser Virus sollte sich nicht weiter ausbreiten.

Oder, das wäre eine Alternative, das wäre auch denkbar: Diese Pharisäer waren in echter Sorge. Sie wollten Jesus und seine Jünger warnen. Eher als Freunde, nicht unfreundlich. Auch unter den  Pharisäern gab es ja einzelne Jünger Jesu. „Jesus, sag ihnen, sie sollen den Mund halten. Das ist zu riskant. Das ist unvernünftig. Hier in Jerusalem, wo alle sie hören. Das werden auch die Römer mitbekommen. Das sieht ja aus wie ein Aufstand.  Du willst doch keine Unruhe, oder?“

Vielleicht waren diese Pharisäer nicht inhaltlich in Opposition, sondern der Weg hat ihnen nicht gefallen. Man muss die Wahrheit  langsam unter das Volk bringen. Still. Nicht laut. Man muss den Dienstweg einhalten. Man muss den Weg über die Obrigkeit gehen. „Jesus, lass deine Leute nicht solche Lieder singen. Jedenfalls nicht hier, in Jerusalem. Du wirst dir damit schaden!  Im Verborgenen bist du sicher. Es muss doch nicht jede und jeder gleich wissen, dass du der Messias bist!“

Ein gut gemeinter Rat vielleicht? Aber Jesus schlägt die  Warnung aus: „Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“ Was diese gerade angefangen haben zu tun, das wird man nicht mehr aufhalten. Was hier gerade passiert, was hier gerade abgeht, das ist keine Melodie und kein Lied, das man verbieten kann. Hier fängt eine Melodie an, ein Lied, ein Lob, das bis in die Ewigkeit hinein gesungen werden wird. Das wird niemand mehr aufhalten. Kein Staat. Keine Regierung. Keine Religionspolizei.

Die Melodien mögen wechseln. Auch die Rhythmen. Auch die Worte werden wieder anders und neu gefunden werden. Es wird leise und laut gesungen werden. Im Chor, im Quartett und als Solo. An Kinderbetten wird gesungen werden und an Gräbern: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. Friede im Himmel. Ehre in der Höhe!“

Die Botschaft nämlich, dass Jesus der Christus ist, der Messias, sie wird nicht mehr aufzuhalten sein. Und wenn Eltern es ihren Kindern verbieten  oder  ein Staat es seinem Volk verbietet: Dann werden eben die steine schreien! Ihr Pharisäer werdet es nicht aufhalten, was Gott mit dieser Welt vorhat.

Von den Steinen sagt Jesus nicht, dass sie Gott loben werden, dass sie singen werden. Die vier Wände einer Kirche werden keinen vierstimmigen Choral anstimmen. Die Steine, von denen Jesus spricht, sie werden schreien. Wieder gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sie werden schreien,  weil sie nicht singen können: Jesus ist der Heiland der Welt!  Oder sie schreien, weil sie anklagen.

Nicht wenige Exegeten (Forscher, Theologen, Ausleger der Texte) erkennen in dem Jesuswort von den Steinen einen Hinweis auf die Zerstörung Jerusalems. „Wenn diese aufhören zu loben und Jesus als den Retter zu bekennen, dann werden die Steine schreien, dann wird Jerusalem samt Tempel zerstört werden.“ So kam es 70 nach Christus. Jerusalems wird dem Erdboden gleich gemacht werden. Aus den Ruinen des Tempels wird Rauch aufsteigen. Die Steine der Heiligen Stadt werden schreien.

Wozu hilft uns dieser Text Kantate zu feiern? Wir würden auch gerne jubeln, aber wir dürfen nicht live zusammen singen. Ich glaube, da hilft alles reden nicht, das kann man nicht schönreden. Das ist traurig. Das fehlt uns. Alleine Christ zu sein, das ist eigentlich widersinnig. Absolut nicht in Gottes Plan. Gott stellt seine Menschen zu Familien zusammen, zu Gruppen, zu Gemeinden. Wir brauchen die Gemeinschaft der anderen. Wir brauchen Gottes Geist, wie er in und mit unseren Schwestern und Brüdern wirkt.

Dreierlei verbinden wir mit gemeinsamen Singen: 1. Loben und beten. 2. Bekennen, andere mit unserer Freude über Jesus anstecken. 3. Gemeinschaft haben, uns gegenseitig stärken, ermutigen. Wenn wir das erleben wollen, müssen wir andere Wege gehen. 1. Neue Wege im Lobpreis und Gebet. 2. Neue Wege, Jesus als den Herrn laut bekannt zu machen. 3. Neue Wege aufmerksam zu sein, einander zu tragen, Freude zu schenken, und gegenseitig zu ermutigen.

In der Presse hören wir immer wieder die Abstandsregeln. Ganz einfach. Maske auf und zwei Meter Abstand. Und ich möchte immer wieder an die Näheregeln erinnern. Ganz einfach. Ruft an, besucht wo es möglich ist, nutzt euren PC. Diese Näheregeln sind genauso wichtig wie die Abstandsregeln und sie sin genau so einfach. Man muss es nur tun.

Es gibt Länder, da sind Christen stundenlang unterwegs bis sie in ihrer Gemeinde in ihrem Gottesdienst ankommen. Aber das es ihnen wert. Und es gibt Zeiten, da ist man nicht unterwegs, da ist man zuhause und der Weg zur Gemeinde ist so weit wie zu meinem Telefon. Wir haben keine Steine, die schreien, aber wir haben Handys, mit denen man sprechen kann. Viele sogar mit Flatrate, sie können oft anrufen und es kostet sie keinen Cent mehr.

Jede Woche gibt es Online-Angebote mit Zoom. Zwei Mal treffen wir uns zu Gebetsgemeinschaften. Wir alle werden auch müde im Umgang mit der Pandemie. Aber wir wollen es nicht lassen, zu beten und Gemeinschaft zu haben. Jede Woche gibt es Chorübungsstunden mit Zoom. Das klingt nicht so schön, wenn man nur seine eigene Stimme hört, aber das ist auch ein Chor der Herzen. – Vor etwa zwei Wochen hat eine Frau so begeistert davon geschrieben, wie sehr sie diese Chorstunden braucht, wie sehr sie sich jede Woche darauf freut.

Wir wollen weiter andere stärken und unseren Glauben bekennen. Dazu kann man auch Links von Gottesdiensten oder Andachten an andere weiterschicken. Es ist gerade so einfach, andere dazu einzuladen. Ein Weiterleiten mit dem Handy und jemand anderes ist mit in deiner Gemeinde, in deinem Gottesdienst, wenn sie oder er möchte. Tatsächlich kann man auch Briefe schreiben. Die Post hat ihre Arbeit nicht eingestellt. Die Briefträger machen kein Homeoffice. Wann haben sie zuletzt einen Brief oder eine persönliche Karte im Briefkasten gehabt? Wir wollen unseren Herrn loben, ihn bekennen und Gemeinschaft leben. Du auch? Wenn ja: Welche Wege willst du gehen?

In Deutschland gibt es eine Musiksendung, die nicht jedermanns Sache ist. Das ist einfach Geschmacksache. DsdS – Deutschland sucht den Superstar. Deutschland sucht, wir aber haben ihn gefunden! Wir nennen ihn nicht Superstar, aber er ist es. Wenn auch ganz anders als man sich sonst einen Star vorstellt. Aber für ihn wollen wir mit den Jüngern damals jubeln! Und das lassen wir uns auch ohne Singen nicht verbieten.

Amen.

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