Unglaube und Ostern (Markus 16, 9-16)

Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg
Norbert Giebel  – Ostersonntag –  4.4.2021

Markus 16, 9-16  Unglaube und Ostern

Markus 16, 1-8 wurde vorher in Gottesdienst gelesen.

Liebe Oster-Gemeinde,

den ältesten Auferstehungsbericht finden wir im Markusevangelium. Kapitel 16. Wir haben es gerade gehört. Einige Frauen gingen zum Grab von Jesus. Am ersten Tag der Woche, am Sonntag, sehr früh, als die Sonne gerade aufging, machten sie sich auf den Weg. Unterwegs  überlegten  sie, wer ihnen den großen Stein vor der Grabhöhle  wegrollen könnte. Zu ihrer Überraschung fanden sie das Grab geöffnet. Ein junger Mann im weißen Gewand, ein Engel, ein Bote Gottes spricht sie an: „Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier“ sagt er. „Geht zu den anderen Jüngern, verkündigt ihnen, dass Jesus auferstanden ist und dass er sie in Galiläa treffen will.“

Die Frauen waren geschockt, erschrocken, voller Angst. Wer rechnet denn mit so was? Sie liefen weg, sie flohen, sie zitterten und sprachen mit niemandem darüber. Die Leute würden sie ja für verrückt halten! „Weil sie solche Angst hatten, erzählten sie niemand davon!“ So endet der älteste Bericht von der Auffindung des leeren Grabes. Und Markus lässt es so stehen. Vermutlich hat sein Evangelium ursprünglich mit genau diesen Sätzen geendet: “Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab;   denn Zittern und Entsetzen hatten sie ergriffen und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich.” So hat es Martin Luther übersetzt.

Kann ein Evangelium so enden? Nein. Das  Markusevangelium geht noch weiter.
Ich lese uns die nächsten Verse Markus 16, 9-16

9Als aber Jesus auferstanden war, früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria Magdalena, von der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte. 10Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren, die da Leid trugen und weinten. 11Und als diese hörten, dass er lebe und ihr erschienen sei, glaubten sie nicht. 12Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie aufs Feld gingen. 13Und die gingen auch hin und verkündeten es den andern. Aber auch denen glaubten sie nicht. 14Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen  und  schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen. 15Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. 16Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.

In den ältesten Abschriften des Markusevangeliums, die man gefunden hat, fehlt dieser Schluss. Erst in Handschriften aus dem 2. Jhdt. finden sich diese Verse ergänzt. Wie kommt das? Wollte Markus sein Evangelium aus irgendeinem Grund mit der Erinnerung an den Schrecken der Frauen beenden? Hatte er noch keine weiteren Quellen, keine weiteren Berichte? Oder gab es einen  anderen  Markusschluss, der verloren gegangen ist, in dem er weiter erzählt hat, wie die Frauen dann doch  zu den Jüngern gegangen sind und wie die Jünger dann zum Grab gelaufen sind?

Der so genannte „zweite Markusschluss“ erinnert an drei Erscheinungen des Auferstandenen: Er beginnt mit Maria aus Magdala, obwohl sie doch in dem Bericht vom leeren Grab gerade vorher schon erwähnt wird. Wie Jesus sich dieser Frau gezeigt hat, die ihm so viel zu verdanken hatte, können wir ausführlich bei Johannes Kapitel 20 nachlesen. Auch Matthäus berichtet, dass die Frauen das Grab verlassen haben,  dass Jesus dann aber der  Maria  noch erschienen ist.

Dann wird an zwei Männer erinnert, die auf dem Land unterwegs waren. Sie waren auf dem Weg nach Emmaus. Ihre Begegnung mit Jesus finden wir sehr ausführlich berichtet bei Lukas Kapitel 24. Und auch die hier erwähnte dritte Erscheinung Jesu vor den Jüngern ist in  anderen Evangelien  genauer berichtet.

Es könnte sein, dass Christen im 2. Jhdt., die diese Berichte kannten,  den neuen Schluss bei Markus formuliert haben. Neben dem leeren Grab sind doch die Erscheinungen des Auferstandenen eine ganz wichtige Säule des Osterglaubens. Vielleicht ist aber auch dieser Schluss schon älter. Wir wissen es nicht. Inhaltlich aber wird ab Vers 9 fortgesetzt, was wir schon bei den Frauen am Grab sehen: Zu Ostern gehören  Erschrecken und Unglaube. Und zu Ostern gehört schon für die Frauen der Auftrag, es weiterzusagen: „Der Herr ist auferstanden!!“

Dass Jesus auferstehen könnte, war völlig außerhalb dessen, was sich die Jünger vorstellen konnten. Jesus hatte ja sogar versucht, sie darauf vorzubereiten. Vielleicht haben sie gedacht, dass er am Ende der Zeiten auferstehen würde, aber nie jetzt, hier, in Raum und Zeit, dass sogar sein Grab leer sein würde. Die Vorstellung, dass einer, dass Jesus vor dem Ende aller Zeiten auferstehen könnte, war so absolut undenkbar, dass die Jünger sich sogar  gegenseitig nicht mehr glaubten. Sie vertrauten einander nicht mehr:

Die Jünger glauben Maria nicht.  Sie waren total gefangen in ihrer Trauer und in ihren Tränen. Sie glaubten auch den beiden anderen Jüngern nicht, die von Emmaus zurückkamen. Johannes  schreibt, dass Thomas, einer der Jünger, nicht dabei war,  als Jesus den zehn anderen zusammen erschienen ist. Und auch Thomas wollte es nicht glauben, konnte es nicht glauben, was die anderen Jünger ihm erzählten.

Die Jünger waren am Ende. Sie hatten überhaupt keine Hoffnung mehr. Sie haben sich zurückgezogen. Sie hatten sich selber eingeschlossen in ihrer Trauer und in ihrer Angst. Alle Informationen aus zweiter Hand haben nichts gefruchtet. Sie mussten es selber sehen. Ihn selber sehen. Sie mussten Jesus selbst begegnen. Nur Jesus hat ihren Unglauben überwunden. Ostern ist nicht der Glaube auf die Welt gekommen, sondern der Unglaube. „Das geht doch gar nicht.“ „Das gibt es doch gar nicht.“ „Das glaubt doch keiner.“

Margot Käßmann ist vermutlich vielen von uns bekannt. Als sie Bischöfin in Hannover war, wurde ihr Unglaubliches berichtet:  Ein Pastor soll sich in einem Gottesdienst auf der Kanzel rasiert haben! Margot Käßmann bekam  mehrere  Anrufe  diesbezüglich und sie reagierte wie wohl alle reagieren würden: “Er hat sich auf der Kanzel rasiert? Das glaube ich nicht! Da muss irgendetwas  falsch  berichtet worden sein.“ Der betreffende Pastor erklärte ihr dann auf  Nachfrage, dass genau das der Sinn der Aktion gewesen sei! Er habe am Sonntagmorgen auf der Kanzel Rasierschaum und Pinsel herausgeholt, sich in Seelenruhe rasiert, in den Spiegel geguckt und dann zur Gemeinde gesagt: “Wenn Sie jetzt nach Hause gehen und das erzählen, wird Ihnen jeder sagen: Das glaube ich nicht.”

Genauso sei es an Ostern gewesen. Das wollte er damit deutlich machen. Die den Auferstandenen gesehen hatten, erzählen es anderen: “Er ist auferstanden! Das Grab ist leer!“ „Jesus lebt! Er ist mir erschienen.“ Und die anderen glauben es nicht. Da muss etwas falsch gesehen oder berichtet worden sein.

Ich finde den Unglauben der Jünger zuerst einmal  tröstlich. Auch sie sind keine Glaubenshelden. Sie sind auch nicht in der Lage, einfach etwas zu glauben, was sie mit ihrem Verstand nicht fassen können. Die Jünger sind Zweifler wie wir. Sie müssen erst einmal überzeugt werden.  Sie sind nicht leichtgläubig. Selbst denen, die sie gut kennen, denen sie sonst immer vertrauen würden, glauben sie das nicht.

Auch das leere Grab allein ließ sie nicht glauben, dass Jesus auferweckt wurde. Niemand käme auf die Idee, wenn er ein leeres Grab sieht, zu denken, dass der Verstorbene wohl auferweckt wurde. Genau so verrückt schien der Gedanke den Jüngern. Das wäre so, als würde sich einer beim Predigen rasieren. Das ist doch Unsinn. Ich finde das  ermutigend,  dass die  Jünger Menschen waren wie wir. Traurig. Erschrocken. So traurig, dass sie an nichts Gutes mehr glauben konnten. Sie waren auch eingeschlossene Menschen, zu denen Jesus zunächst einmal durchkommen musste, ihre Räume beteten.

Dass die Jünger kritisch waren, das stärkt mein Vertrauen in die Jünger und in ihre Berichte. So kann ich mich gut bei den Jüngern einordnen und wiederfinden. Jesus hat ihnen den Glauben geschenkt und Jesus tut es immer wieder. Jesus lebt nicht, weil ich es denken  kann. Ich kann es nicht denken! Aber ich kann es erleben, erfahren, spüren, ihm vertrauen. Er leitet, er schützt, er hilft auf, er gibt Kraft, er tröstet.

Der Unglaube der Jünger ist tröstlich und er ist eine Mahnung an uns, dass wir uns nicht ebenso zurückziehen und unser Wissen über Jesus ängstlich für uns behalten. Erst als die Zehn am Tisch zusammen sitzen und Mahl halten, also zusammen essen, erst als dann der Herr mitten unter sie tritt und sie anspricht, erst da wird ihr Unglaube überwunden. In der Gemeinschaft mit den anderen. Da kam er mitten unter sie.

Und Jesus sagt nicht: „Ihr Armen!  Ihr tut mir so leid! Ihr habt es aber auch schwer! Traut ihr euch nicht? Glaubt ihr nicht? Kommt her, ich will euch trösten.“ So kann Jesus auch reden. Tut er hier aber absolut nicht. „Er schilt sie“ übersetzt Luther. Jesus schimpft mit ihnen. Er redet streng mit ihnen. „Jesus ist stinksauer“ hat es ein Theologe aus Köln wiedergegeben. „Warum sitzt ihr hier noch immer hinter verschlossenen Türen? Warum seid ihr nicht draußen bei den Menschen?“ Ein anderer Prediger versucht diese dringende Ansprache Jesu an seine Jünger so wiederzugeben: „Jesus bemitleidet seine Jünger nicht. Er nimmt sie sich zur Brust. Er wirbt nicht um ihr Verständnis, er wird deutlich. Er nimmt sie in die Pflicht, er gibt ihnen einen Auftrag:“ „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.“

Das finde ich wieder sehr tröstlich und zugleich herausfordernd. Diesen Jüngern gibt er diesen großen Auftrag. Menschen wie du und ich. Scheue Männer und Frauen. Ängstliche, Zögerliche, die immer  wieder das klare Wort von Jesus brauchen, um aufzubrechen, um sich nicht einzuschließen. Jünger Jesu lernen nicht, sich selbst immer mehr zuzutrauen. Jünger Jesu lernen Jesus immer mehr zuzutrauen und auch dann, wenn sie selbst ängstlich sind  und nicht viel Glauben haben, sich senden zu lassen, loszugehen, Jesus zu bekennen. Das macht sie zu Aposteln. Zu Gesandten Jesu.

Jesus hat an diesen Jüngern festgehalten und sie in die Welt gesandt: „Ich brauche euch!“ sagt Jesus seinen Jüngern. Und zu uns. „Ich zähle auf euch! Ihr sollt meine Boten sein!“ „Die ganze Welt soll es erfahren.“ sagt er diesen Jüngern. Einmal wird man Ostern feiern nicht nur in  Jerusalem und Galiläa, sondern auch in Samarien, in Jordanien, in Syrien, in der Türkei, in Griechenland, in Rom… Ob die zehn Männer das glauben konnten? Alle Menschen, alle Kulturen auf der Welt sollen das Evangelium hören? Von ihnen soll das ausgehen? Eher rasiert sich ein Pfarrer im Gottesdienst! Wie soll den das in der ganzen Welt bekannt werden?

Warum ist Ostern so wichtig?

Wäre Jesus im Tod geblieben, wäre alles erlogen gewesen, was er vorher behauptete hat.   Er ist von Gott gekommen und er ist zu Gott gegangen. Wäre Jesus im Tod geblieben, hätte ich heute keinen Trost. Dann wäre es eine Lüge, dass er mich heute begleitet, führt und beschenkt. Dann wäre ich alleine. Wäre Jesus im Tod geblieben, hätte ich im Sterben keine Hoffnung. Ich saß letzte Woche am Bett einer 88-Jährigen. Sie ist schwach. Sie mag nichts mehr essen. Sie möchte sterben. Sie freut sich so, bald in der Herrlichkeit zu sein. Sie möchte zu Jesus. Wäre Jesus nicht auferstanden, dann wäre unser ganzer Glaube vergeblich. Für die Katz.

Die Auferstehung nicht glauben zu können, gehörte immer schon zu dieser Botschaft dazu. Aber Jesus zeigt sich allen, die ihn suchen. Und er beauftragt die, denen er sich gezeigt hat: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium allen Menschen. Wer glaubt und getauft wird, dem wird das Heil geschenkt.  Wer aber nicht glaubt, der wird verloren gehen.“

Der Auferstandene zählt auf uns. „Ich sehe deine Schwächen, deine Fehler, deinen Kleinglauben, ich sehe deine Angst, aber ich zähle auf dich. Du sollst meine Botin sein. Du sollst mein Bote sein.“ Jesus macht aus Zurückgezogenen Gesandte. Jesus macht aus Zweifelnden Glaubende. Jesus macht aus Angsthasen Osterhasen. – Ich bin häufig bei Freunden zum Mittagessen. Bei denen auf dem Tisch steht seit einiger Zeit ein fröhlich lächelnder goldener Schokoladen-Osterhase. Zu Osterhasen, die fröhlich, gut schmecken, und ihn bekennen, zu Osterboten möchte uns heute der Auferstandene machen.

Amen.

 

Profitiert habe ich u.a. von der Predigt von Manfred Wussow vom 7.4.2013 www.theologie.uzh.ch/predigten sowie einer Predigt aus Köln www.kirche-raderthal.de, Verfasser und Datum nicht genannt.

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